Gemüse-Döner mit Roberto Bolaño in Barcelona

in Kurzgeschichten/Spanien

Eigentlich möchte ich in Barcelona nur bei seiner alten Adresse vorbeischauen. Ich stehe also vor dem Carrer Tallers 45, und die Gedenktafel neben dem Hauseingang ist so hoch angebracht, dass man den Kopf recken muss. Vielleicht, damit sie kein Fan heimlich abmontiert und als Reliquie mit nach Hause nimmt. Jedenfalls steht dort auf Katalanisch: „En aquesta casa va viure l’escriptor Roberto Bolaño“. Nicht erwähnt wird, wann genau der Chilene hier lebte: Von 1977 bis 1980 – in einer winzigen Wohnung im ersten Stock, mit Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Als ihn noch niemand kannte und er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt: Nachtwächter auf einem Campingplatz. Tellerwäscher. Was auch immer.

Das Haus hat mehrere Stockwerke. Schmiedeeiserne Balkone, große Fenster mit hölzernen Fensterläden. Links neben dem Eingang knickt die Fassadenlinie abrupt ab. Das Nachbargebäude – bereits zum Carrer Ramelleres gehörend – beherbergt ein alteingesessenes Lokal, das Café Centric. Von oben, auf Google Maps, erkennt man die urbane Geometrie am besten: Zwei schmale Straßen, die im spitzen Winkel zusammenlaufen. Genau hier lag die Wohnung eines prägenden lateinamerikanischen Autors seiner Generation.

Es muss Mitte der Neunziger gewesen sein, als ich zum ersten Mal an der Kreuzung vorbeispazierte. Damals belegte ich die „Estudios Hispánicos“. Ein achtmonatiges Studium speziell für Ausländer, die Spanisch lernen sowie die spanische und katalanische Kultur studieren wollten. El Raval war noch nicht gentrifiziert – und wenn, dann allenfalls ein bisschen.

Gab es das Wort „gentrifiziert“ überhaupt schon? Ich, 24 Jahre alt, kannte es jedenfalls nicht – da bin ich mir sicher.

Damals hieß es, man solle sich nicht in den Gassen des „Barrio Chino“ verlieren – dem südwestlichen, berüchtigten Teil des Raval. Wir gingen trotzdem hin. Tranken also Absinth im legendären Marsella, empfohlen in denselben Reiseführern, die vor dem Viertel warnten: eine alteingesessene Bar aus dem Jahr 1820 mit Kronleuchtern, blinden Spiegeln, Mosaikboden und Marmortischen, in der schon Miró, Gaudí, Picasso, Dalí und Hemingway verkehrten.  Bei unseren Besuchen saß an einem der Tische stets eine Wahrsagerin, die auf Wunsch die Karten legte, während an der Wand immer noch die versammlungsfeindlichen Schilder aus der Franco-Zeit hingen: „Sitzen verboten“ und „Singen verboten“.

Beliebt war auch das Ovella Negra, in einer Querstraße des Carrer Tallers: eine rustikale Bier-Kneipe und der größte Studententreff im Viertel. Wir benutzten die spanische Version des Namens: Oveja Negra. Auf Deutsch: Schwarzes Schaf. Oft landeten wir nachts in den Clubs an der Plaça Reial, Jamboree und Karma. Diejenigen von uns, die auch auf elektronische Musik standen, gingen ins eher schicke Otto Zutz, weiter oben am Hang, in Sant Gervasi. Oder in den ibizamäßigen Distrito Marítimo am Hafen, einem kleinen Pavillon am palmenbestandenen Passeig de Colom. Das wahre Highlight jedoch waren die privaten Uni-Partys – besonders, wenn sie auf Hausdächern ausgerichtet wurden.

„Wir“ – das waren die internationalen Studenten des Studiengangs, vermischt mit der Erasmus-Szene der Stadt. Ich wohnte sechs Blöcke von der Uni entfernt, weiter westlich, im Eixample. In einer WG mit Zehn-Quadratmeter-Zimmer und dem Luxus einer mindestens doppelt so großen Terrasse, sobreático, nur für mich. Ausgerechnet in dieser Zeit, wo viele der anderen – Amerikaner, Deutsche, Skandinavier, Belgier, Japaner und so weiter – feierten, als gäbe es kein Morgen und dabei nicht selten von Bett zu Bett sprangen, verliebte ich mich. Ich verliebte mich, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mich nicht zu verlieben. In M., eine im gleichen Jahr wie ich geborene Mitstudentin aus dem Fortgeschrittenen-Kurs.

Wir (und diesmal meine ich nur M. und mich) gingen oft ins Kino. Zwischen Gràcia und Eixample gab es kaum eines, das wir nicht besuchten. Wir sahen das sex- und drogenaffine Skaterdrama Kids von Larry Clark. Wir sahen den Banlieue-Film La Haine von Mathieu Kassovitz. Und wir sahen die Komödie Keiner liebt mich von Doris Dörrie. Und weil Spanier wie Deutsche eine hartnäckige Vorliebe fürs Synchronisieren haben, sahen wir diese Filme nicht auf Englisch, Französisch oder Deutsch mit Untertiteln, sondern auf Spanisch. Klar, wir waren in der Stadt, um eben diese Sprache zu lernen. Dennoch: Als ich die „Keiner liebt mich“-Hauptdarstellerin Maria Schrader zum ersten Mal mit tiefer Stimme Spanisch reden hörte, musste ich lachen. Zum Glück gab es auch jede Menge Filme in Originalversionspanisch. Etwa La flor de mi secreto von Pedro Almodóvar. Oder Caballos Salvajesein argentinisches Roadmovie, das man inzwischen sogar gratis auf YouTube anschauen kann.

Wenn M. und ich nicht gerade in ihrem oder meinem WG-Zimmer-Bett miteinander schliefen oder ins Kino gingen, unterhielten wir uns. Selten auf Englisch, meistens auf Spanisch. Wir redeten über die Uni, die Kommilitonen und unser gegenwärtiges Leben in Barcelona. Hin und wieder redeten wir auch über unsere „richtigen“ Leben zu Hause – ihres in Stockholm, meines in Düsseldorf. Manchmal schwiegen wir, ohne Unbehagen, einfach so. Am wenigsten jedoch redeten wir über die Zukunft – und wenn, dann nur ob wir in zwei Wochen einen Wochenendtrip nach Madrid, Salamanca oder San Sebastián unternehmen oder unser schmales Budget lieber in Konzerte stecken sollten: Heroes del Silencio in der Sala Zeleste, die Cardigans in der Sala Bikini oder Joaquín Cortés im Palau de la Música.

Alles in allem waren M. und ich also durchaus „kulturinteressiert“, aber wer Roberto Bolaño war – das wussten wir nicht. In Deutschland und in Schweden kannte ihn so gut wie niemand. Und in Katalonien, Spanien und Lateinamerika kannten ihn nur die Insider aus der Verlags- und Literaturszene – jene, die mitbekommen hatten, dass 1993 in einem kleinen Verlag Bolaños Debütroman La pista de hielo erschienen war. „Eine Geschichte über die Schönheit, die wenig dauert und deren Ende meist katastrophal ist“, so der Autor selbst. Erst 2023, zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, wurde das Buch ins Deutsche übersetzt: Die Eisbahn.

Während unserer Studienzeit wohnte Robert Bolaño längst woanders. Mit seiner Frau Carolina López und den beiden Kindern hatte er sich in Blanes niedergelassen, einem kleinen Küstenort etwa 70 Kilometer nordöstlich von Barcelona. 1996 – das Jahr, in dem M. und ich in unsere Heimatstädte zurückkehrten – markierte den Wendepunkt seiner Karriere.  Mit La literatura nazi en América (Die Naziliteratur in Amerika) gelang ihm der Durchbruch. Wenige Monate später erschien ein weiterer Roman – Estrella distante (Stern in der Ferne). Bolaño besuchte damals regelmäßig das Büro seines Verlages Anagrama im Viertel Sarrià. Naheliegend, dass er bei diesen Gelegenheiten in den Mikrokosmos seiner ehemaligen Nachbarschaft eintauchte und Freunde besuchte. Also auch: hier vorbeispazierte.

Merkwürdig: Ich wollte bloß knapp und nüchtern notieren, weshalb mich dieser Schriftsteller so fasziniert – ein Instagram-Posting, zehn Sätze. Für das dazugehörige Foto habe ich sogar eigens das Bolaño-Buch mit den Kurzgeschichten mitgebracht, das ich gestern ausgelesen habe. Nun aber sitze ich auf diesem einsamen Stuhl vor seinem ehemaligen Wohnhaus. Fest im Asphalt verankert, als sei er eigens für Literatur-Pilger installiert worden. Und dabei entspinnt sich in meinem Kopf dieses Netz von persönlichen Erinnerungen – das hat man ja schon gemerkt.

Jetzt fällt mir auch noch ein, dass es während meines Auslandssemesters ganz in der Nähe einen Berührungspunkt gab. Eher: einen theoretischen, sonst klingt das zu wichtigtuerisch. Der Carrer Tallers führt nämlich vom „Bolaño-Haus“ zu den Ramblas. Kurz davor, etwa achtzig Meter weiter auf der linken Seite, residierte während meines Auslandssemesters und wohl noch Jahre danach ein schlauchförmiges, nur wenige Meter breites Restaurant. Das Angebot war überschaubar: einfache Gerichte, die satt machten, ohne das Budget zu ruinieren. Die Tischdecken waren – soweit ich mich erinnere – rot-weiß-kariert, und das Mittagsmenü mit Vor- und Nachspeise kostete 750 Peseten. Diese Details sind mir geblieben, während der Name längst verschwunden ist, als hätte das Gedächtnis seine eigenen Prioritäten.

M. und ich aßen in dem Lokal, in das uns der Zufall getrieben hatte, gerne zu Mittag. Immer dann, wenn wir vor den Nachmittagsvorlesungen eine oder zwei Stunden frei hatten. Ich erinnere mich noch genau, dass ich am liebsten Hähnchen mit Pommes Frites und Salat bestellte. Und nun male ich mir aus, dass Robert Bolaño eines Tages am Nachbartisch gesessen haben könnte. Bei einem seiner Barcelona-Besuche, wenn er in die Bars und Cafés nahe seiner ehemaligen Wohnung zurückkehrte, in denen er fünfzehn Jahre zuvor beim Tee über Literatur und Politik diskutiert oder Tischfußball gespielt hatte.

Der wahre Berührungspunkt jedoch wäre ein anderer gewesen: Meine Freundin M. war chilenische Schwedin. Oder schwedische Chilenin – je nach Perspektive. Wie Robert Bolaño war sie in Santiago de Chile geboren. Ihre Eltern hatten das Land nach Pinochets Putsch 1973 verlassen. Ihr Großvater gehörte zu den „Desaparecidos“ – jenen Salvador-Allende-Anhängern, die vom Regime entführt und ermordet worden waren. Während die Bundesrepublik und die DDR nur wenige tausend chilenische Flüchtlinge aufnahmen, waren es in Schweden unter Olof Palme Zehntausende – die größte chilenische Exilgemeinde außerhalb Amerikas. M. gehörte zu jener zweiten Generation, die zwischen den Kulturen lebte: perfektes Schwedisch als erste Sprache, fließendes, aber unvollkommenes Spanisch als Echo der Herkunft. Auch deswegen war sie in Barcelona – um die Sprache ihrer Geburt zurückzuerobern.

Roberto Bolaño war eine Generation älter als M. und ich. Ein mexikanischer Chilene, könnte man sagen, doch das greift zu kurz. Seine Eltern hatten ihn als 15-Jährigen nach Mexiko-Stadt mitgenommen, ein familiärer Aufbruch ohne politische Notwendigkeit. Im Jahr darauf begann er Gedichte zu schreiben. Mit zwanzig kehrte er voller Ideale nach Chile zurück, um die Allende-Regierung zu unterstützen. Nach dem Putsch kam er in Haft: Sein mexikanischer Akzent hatte ihn verdächtig gemacht. Sein Glück im Unglück: Zwei ehemalige Mitschüler, inzwischen Gefängnisoffiziere, erkannten ihn wieder und sorgten für seine Freilassung. Bolaño ging mit Zwischenstation in El Salvador zurück nach Mexiko. Nach dem Ende des Franco-Regimes landete er in Spanien – dem Land, aus dem die Vorfahren seiner Mutter einst nach Chile ausgewandert waren. Genauer gesagt: in Barcelona – in der winzigen Wohnung mit Gemeinschaftsbad, vor der ich nun sitze. Er war damals 24, so alt wie M. und ich während unseres Auslandsemesters, rund zwei Jahrzehnte später.

Hätte eben dieser Robert Bolaño 1995 oder 1996 neben uns zu Mittag gegessen, in jenem schmalen Lokal mit den karierten Tischdecken, dann wären wir vielleicht ins Gespräch gekommen. Durch einen Zufall – etwa ein Wortwechsel mit dem Kellner über die Tagessuppe oder das chilenische Spanisch meiner Freundin M., das über Tischgrenzen flog – wäre die gemeinsame Herkunft enthüllt worden. Bolaño hätte aufgehorcht, weil einer wie er an die Poesie des Beiläufigen glaubte. Daran, dass die interessanten Erzählungen selten in Universitätsbibliotheken oder intellektuellen Zirkeln und viel häufiger in Bahnhofskneipen oder billigen Restaurants geboren werden.

Meine Freundin M. hätte unserem Tischnachbarn von der chilenischen und lateinamerikanischen Community in Stockholm erzählt, davon, dass ihr Bruder mit den Latin Kings befreundet war – der seinerzeit bekanntesten Hip-Hop-Crew des Landes. Söhne von Einwanderern, die als erste überhaupt mit schwedisch gerappten Tracks in die Charts kamen. Dabei hätte sie erwähnt, dass einer der Hits der Gruppe in zwei Versionen erschienen war: „Kompisar från förr“ beziehungsweise „Amigos del pasado“. Ein Lied über die Freunde von früher, das zwischen zwei Sprachen pendelte wie die Musiker selbst. Bolaño wiederum hätte neugierig nachgefragt, ob M. einen seiner alten Weggefährten kenne, der ebenfalls nach Schweden emigriert sei. Und vielleicht hätte er, dessen Protagonisten oft deutsche Namen wie Udo Berger oder Hans Reiter trugen, versucht, sich mit mir über deutsche Literatur- und Geistesgeschichte zu unterhalten – und schnell bemerkt, wie wenig Ahnung ich hatte.

So hätte es gewesen sein können – unwahrscheinlicherweise. Und während ich mir das vorstelle, sitze ich immer noch auf dem einbetonierten Stuhl.  Wende ich den Kopf nach links, so schaue ich auf ein chinesisches Restaurant. Wende ich ihn nach rechts, so treffe ich auf ein Schaufenster, nur rund zwei Meter entfernt. Eines dieser Geschäfte, die man in Barcelona immer häufiger sieht und eher in Touristenorten an der Costa Brava oder auf Mallorca verorten würde. Vielleicht residierte hier früher einer der vielen kleinen Schallplattenläden, die das Gesicht der Straße prägten. Nun in der Auslage: Trikots, Caps und Fußbälle mit FC-Barcelona-Print, Badelatschen, Tangas, Stoffbeutel.​ Als Erstes ins Auge fallen die weißen T-Shirts, mit dem Slogan nach vorne aufgereiht:

I BLOW JOBS, I MILFS, I DICKS, I BIG ASSES, I LATINAS, I SEX, I FARTING, I 69, I PUSSY, I VODKA. Und so weiter …

Ob es tatsächlich Menschen gibt, die solche Shirts kaufen – ernsthaft, nicht als Partygag? Und welches ist der Bestseller? Ein englisch sprechendes Paar Mitte fünfzig bleibt stehen. Der Mann deutet auf eines der Motive, I ♥ FARTING. Er sagt etwas zu seiner Frau, beide lachen. Sie macht mit dem Smartphone ein schnelles Foto des Schaufensters. Ein paar Sekunden später sind sie weg.

Eine halbe Stunde betrachte ich die Szenerie nun schon. Ich stehe auf, spaziere Richtung „Bolaño-Haus“. Keiner widmet der Gedenktafel auch nur eine Sekunde. Dafür machen deutsche Touristen Fotos von einem Schild genau gegenüber. Deutlich größer, rot und rund, seitlich neben dem Eingang eines Restaurants. Zu sehen ist ein weißes Dönerspieß-Symbol. Darunter steht in weißer Schrift und auf Deutsch: Mustafa’s Gemüse Kebap.

Die Hierarchie der Aufmerksamkeit ist klar: Die Laufkundschaft der Kreuzung Jovellanos/Tallers/Ramelleres ignoriert das Erbe des Literatur-Weltstars. Weil ein deutsch-türkischer Imbiss und T-Shirts mit vulgären Sprüchen die attraktiveren „Storys“ sind.  Wie Roberto Bolaño – mit nur 50 Jahren an einer Leberzirrhose verstorben – wohl darauf reagiert hätte? Er, der in seinen Büchern so meisterhaft beschrieb, wie dicht Bedeutendes und Triviales beieinanderliegen können. Wahrscheinlich hätte ihn viel eher amüsiert, dass auch sein literarisches Vermächtnis zum touristischen Standortfaktor geworden ist. Dass Barcelona sowohl Besucher anzieht, die mit „I ♥ FARTING“-Shirts etwas anfangen können, als auch vermeintliche Feingeister, die sich auf die Spuren berühmter Literaten begeben. Und wer weiß: Vielleicht gibt es sogar Überschneidungen.

Inzwischen schäme ich mich fast für meine ursprüngliche Idee, ein Foto des Bolaño-Buches vor der Bolaño-Gedenktafel zu machen. Bolaño hätte das nicht gewollt, denke ich. Nein, das hätte er nicht. Oder doch? Ich versuche die vorbeiziehenden Menschen auszublenden, fixiere mich auf das Bolaño-Haus – als könnte ich so mit dem Geist des Autors Kontakt aufnehmen. Im Erdgeschoss ein Mini-Supermarkt. Am Torbogen-Durchgang ein „RENT A BIKE“-Hinweis auf den Fahrradverleih im Hinterhof. Und vor dem Eingang eine Palme, um die herum ein Kreis in den Asphalt gelegt worden ist.  Wo genau wohl sein Zimmer war? Zur Straße raus? Dann hätte er das Geschehen auf der Kreuzung aus dem Fenster beobachten können.

Erst jetzt fällt mir der Schriftzug auf den Fenstern im ersten Stock auf: Pensió 45. Ich finde die Hotel-Website auf dem Handy. Erfahre, dass das Gebäude 1853 erbaut wurde und dass man außerhalb der Saison für 47 Euro eine Habitación Doble sin Baño buchen kann, im Sommer aber deutlich mehr als das Doppelte hinlegen muss – mit Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Wo ich schon mal dabei bin, suche ich im Netz nach Infos zu Bolaños Zeit am Carrer Tallers 45. Finde heraus: Er war Stammgast im Café Centric, direkt nebenan. Und in Die Wilden Detektive ließ er sogar mehrere Szenen dort spielen – literarisch verfremdet, aber für Eingeweihte unverkennbar.

M. und ich – wir schreiben uns alle paar Jahre kurze Nachrichten, bringen uns auf den neuesten Stand. Es war nämlich so: Nach dem Auslandssemester in Barcelona blieben wir trotz der Distanz zusammen. Sie besuchte mich in Düsseldorf. Ich lebte monatelang bei ihr in Stockholm, schrieb dort an meiner Magisterarbeit. Wir hielten noch anderthalb Jahre durch, dann trennten wir uns. Einer von uns hätte in das Land des anderen ziehen müssen. Das wiederum fühlte sich zu endgültig an. Weil wir beide noch suchten – nach uns selbst, nach unserem Platz im Leben. Zu jung, um Kompromisse einzugehen.

Sie arbeitete fortan beim schwedischen Fernsehen, ich machte Praktika bei einer Zeitschrift und in einer Pressestelle.  Dabei trug ich stets den Gedanken im Hinterkopf, wir würden heiraten, wenn wir „richtig“ erwachsen wären, mit Anfang dreißig. Mit 29 sahen wir uns wieder – als ich um die Jahrtausendwende ein Praktikum in Santiago de Chile machte und sie zeitgleich für zwei Wochen bei ihren Verwandten wohnte. Wir merkten, dass da noch Gefühle waren, aber nichts war klar, alles in der Schwebe. Ein paar Monate später besuchte ich sie in Stockholm. Doch es funktionierte nicht – als hätten wir den „richtigen“ Zeitpunkt verpasst. Oder war er noch nicht gekommen? Ein Jahr später erhielt ich einen Brief: Sie müsse mich noch mal sehen, „ein letztes Mal“. Ich, in Hamburg, gerade frisch im ersten Job und noch dazu in einer neuen Beziehung, war überfordert. „Falscher“ Zeitpunkt, wieder mal. Was ich nicht wusste: Sie hatte im Portugal-Urlaub einen Engländer aus (Ironie des Schicksals) Düsseldorfs Partnerstadt Reading kennengelernt und sich in ihn verliebt. Sie zog zu ihm, heiratete. Und bekam zwei Töchter, die heute so gut wie erwachsen sind und neben Englisch auch fließend Schwedisch sprechen – und nur wenig Spanisch.

M. war meine erste große Liebe, und am Ende sind wir gescheitert. An der Distanz. An den Umständen. Am Timing. An Gefühlen, die sich nicht an- und ausknipsen lassen. Rückblickend könnte man sagen: Wir sind „gut“ gescheitert. Sind in Frieden miteinander. Und wahrscheinlich hätte Robert Bolaño unsere Geschichte gefallen …

So, und nun, dreißig Jahre nach dem Auslandsemester, mache ich Urlaub an der Costa Daurada und habe einen Tagestrip nach Barcelona unternommen.  Stehe also vor dem Bolaño-Haus, das ein Transitraum für Touristen geworden ist. Direkt am Eingang. Hole das Bolaño-Buch aus meiner Tasche. Mein Blick fällt auf das Zitat aus der Süddeutschen Zeitung, das der Verlag mit aufs Cover gedruckt hat: „Ein einzigartiger Erzähler der Weltliteratur.“ Warum ich Roberto Bolaño verehre? Ich lasse das weg, das passt jetzt nicht mehr, und mir fällt auch nichts ein. Außer vielleicht:  Weil ich bei ihm schwer aufhören kann, wenn ich einmal mit dem Lesen anfange. Und weil er in Interviews Sätze gesagt hat, die sonst keiner sagt – zum Beispiel: „Das Gute ist meistens ziemlich hässlich. Und das Schöne ist manchmal entsetzlich schlecht.“ Ach komm, denke ich, was soll’s. Halte mit der linken Hand das Buch hoch, mache mit der rechten ein Foto – das Cover in der unteren Bildhälfte, die Gedenktafel in der oberen.

Das Buch heißt Telefongespräche. Eine Sammlung von kurzen Erzählungen, 1997 unter dem Titel Llamadas telefónicas erstmals auf Spanisch erschienen – dem Jahr, als M. und ich in Stockholm und Düsseldorf den Kampf um unsere Beziehung verloren. Eine der Storys beginnt so: „Ich lernte ihn vor etwa fünf Jahren in Barcelona kennen, in einer Bar in der Calle Tallers. Als er erfuhr, dass ich Chilene bin, trat er auf mich zu und begrüßte mich; auch er stammte aus jenen Breiten.“

Ob ich mir jetzt einen Gemüse-Döner gönne? Später könnte ich M. anrufen und ihr erzählen, wie nah wir Roberto Bolaño damals gewesen sind – rein theoretisch …

Nachwort des Autors: Auch wenn manche Passagen assoziativ oder hypothetisch erzählen, handelt es sich hier nicht um Autofiktion, sondern um einen autobiografischen Text. M. hat ihn vor der Veröffentlichung gelesen und der Veröffentlichung zugestimmt. Ich verwende im Text die katalanischen Bezeichnungen für Straßen und Plätze. Die Beobachtungen samt Fotos stammen von Anfang August 2025.

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