Wie ich Wolfgang(s) Welt fand

in Kurzgeschichten/Popkultur/Sprache

Eine Hommage an den größten Erzähler des Ruhrgebiets: Wolfgang Welt. Bochums Karl Ove Knausgård schrieb schon „autofiktional“, als noch keiner dieses Label nutzte.

Manchmal ist es schön, wenn ein Buchtipp mit einer persönlichen Geschichte verbunden ist: Wie und wann jemand auf dieses oder jenes Buch gestoßen ist und was daran besonders interessiert oder gar fasziniert hat – und so weiter. Wo ich schon mal dabei bin, möchte ich in diesem Fall am liebsten gleich den „kompletten“ Autor, quasi das Gesamtwerk anpreisen. Okay, eigentlich geht es am Ende dieses Textes eben doch um ein, nein um zwei ganz bestimmte Bücher. Aber egal. Der Schriftsteller, vom dem die Rede ist, heißt Wolfgang Welt (1952-2016) und gilt, auch wenn ihn in seiner Heimatstadt Bochum manche vielleicht nicht kennen, als „der größte Erzähler des Ruhrgebiets“ (Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung), und zu seinen Fans gehören Peter Handke und Frank Goosen.

Meine persönliche Wolfgang-Welt-Geschichte beginnt so: 2012 kaufe ich mir „Der einsamste DJ der Welt“ von Mike Litt (Dumont).

In dem Buch erzählt der 1Live-Moderator, wie er zur Musik und zum Radio gekommen ist. Der autobiographische Roman spielt zum Teil ebenfalls im Ruhrgebiet, und eröffnet wird er mit dem vorangestellten Zitat aus einem Roman namens „Doris hilft“, aus der Feder eines Autors, von dem ich bis dahin noch nicht gehört hatte: Wolfgang Welt.

Wir tranken im Zwischenfall wieder einen auf Helmut Schmidts Wohl. Inzwischen arbeitete Mike Litt dort, der auch gut flippern konnte. Wir schockten mit ihm, er verlor wenig.

Wolfgang Welts „Gastauftritt“ in Mike Litts Roman

Das Zitat machte mich neugierig, und wenig überraschend trat dieser Wolfang Welt auch in Mike Litts Buch auf – als der Mann aus dem Nachtleben, dessen Artikel Litt als Kind in Musikzeitschriften gelesen und der einen Roman namens „Peggy Sue“ veröffentlicht habe:

(…) Und es war Wolfgang Welt. Er war zwischendurch aus der Lebensspur geraten, arbeitete aber nun als Nachtwächter im Schauspielhaus Bochum. Er kam dann regelmäßig zu mir ins Zwischenfall, und wie er die Zeit, als ich dort bedient habe, erlebt hat, kann man in seinem Roman Doris hilft nachlesen. (…)

Dieser Wolfgang Welt war natürlich keine Romanfigur, auch wenn er in einem als Roman firmierenden Buch vorkam. Ich wollte, nein ich „musste“ ihn lesen, das war klar. Keine Ahnung, ob „Doris hilft“ damals vergriffen war, mein erstes Wolfgang-Welt-Buch wurde kurz darauf ein anderes: „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ (erschienen bei Suhrkamp).

Der Drang, die Welt-Welt zu entdecken

Dazu muss man erklären, dass es sich laut Cover um „Drei Romane“ handelt. Tatsächlich enthält der Sammelband neben den recht kurzen Romanen auch noch sechs oft gar nicht so kurze Erzählungen. Los geht es mit dem Titel, den Mike Litt in seinem Buch erwähnt: „Peggy Sue“.

Der erste Satz in „Peggy Sue“ lautet:

Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung macht mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mir ihr selber, sondern mir ihrer jüngeren Schwester. (…)

Einen Romaneinstieg wie diesen hatte ich noch nie gelesen. Und er machte schon mal klar, wohin die Reise ging, und damit meine ich nicht den „Sex“, sondern den „Sound“: Hier schrieb einer, wie er (vermutlich) auch redete. Es wirkte, als sei das Erzählte exakt so, wie es im Buch stand, aus Wolfgang Welts Erinnerung „herausgeflossen“. Autofiktion, mehr als zwanzig Jahre vor Karl Ove Knausgård.

Mein Fazit nach rund 400 Seiten: Ich hatte noch nie einen Autor gelesen, der Alltagssprache auf dermaßen unterhaltsame und authentische Art und Weise in Literatur verwandeln konnte, noch dazu mit einem (popkulturellen) Ruhrgebiets-Lokalorit, dem ich mich „nahe“ fühlte, war ich doch von Düsseldorf aus in den 1990ern oft in Bochum, Essen oder Oberhausen ausgegangen und kannte daher auch einige der erwähnten Orte und Lokale.

Warum hatte ich als Popliteratur- und Musikjournalismus-Interessierter diesen Autor bisher verpasst? Wahrscheinlich lag es daran, dass Welts Romane lange Zeit vergriffen waren und in der Presse eher selten besprochen wurden – und an meinem Alter: Ich war zu jung. Welts „Hauptwerk“ als Musikjournalist für die Zeitschriften Sounds und Musikexpress sowie für die Stadtmagazine Marabo (Ruhrgebiet) und Überblick (Düsseldorf) erschien vor der Zeit, als ich begann, ebensolche Magazine zu lesen. Und von der Popliteratur-Welle, die ab Mitte der 1990er Autoren wie Christan Kracht, Alexa Hennig von Lange und Benjamin von Stuckrad-Barre in die Feuilletons spülte, konnte Wolfgang Welt (erstaunlicherweise) nicht profitieren.

Den eigenen Alltag ungefiltert in Literatur gegossen

Im Grunde genommen hat Wolfgang Welt seit dem 1986 erschienenen Erstling „Peggy Sue“ stets sein Leben in Literatur verwandelt: Familie, Studium, Liebschaften, Nebenjobs, Erfolge und Misserfolge, Abgründe. Sich selbst entblößend, voller Humor und (Selbst)Ironie. Austeilen konnte er auch, und je mehr ein Künstler vom Mainstream gelobt oder zumindest besprochen wurde und je eitler sich jemand darstellte, desto höher die Chancen auf einen Wolfgang-Welt-Verriss. Auch über diese popjournalistische Laufbahn ist in „Peggy Sue“ und anderen Romanen zu lesen, über die Begegnungen mit Redakteuren und Musikern und Plattenfirmen.

Wenn ich heute in mein zerlesenes erstes Welt-Buch schaue, so entdecke ich Stellen, die ich mir vor zehn Jahren angestrichen habe, weil ich sie gelungen oder witzig fand oder einen persönlichen Bezug sah. So markierte ich zum Beispiel den Namen von Hans(i) Hoff, dessen Texte in der Rheinischen Post ich ab Ende der 1980er gelesen hatte, der aber offenbar zuvor – wie ich nun durch Welts Buch wusste – auch Mitarbeiter beim Düsseldorfer Überblick gewesen war und dessen Art zu schreiben, ich später als junger Journalist bewundert hatte (noch ahnte ich nicht, dass sich unsere Wege mal bei der WZ kreuzen würden). Auch der Name Thommie Bayer, von dem ich mehrere Bücher gelesen hatte (u.a. „Das Herz ist eine miese Gegend“), fiel einige Male in meinem ersten Wolfgang-Welt-Buch, und so erfuhr ich, dass er vor seiner Karriere als Schriftsteller mit der Thommie Bayer Band Musik gemacht hatte (größter Hit: „Der letzte Cowboy“). Und nicht zuletzt strich ich mir auch eine Passage an, in der Welt von einer Begegnung mit dem Musiker Heinz Rudolf Kunze berichtete:

(…) Er wurde mir unsympathisch. Er war ausgebildeter Germanist und Philosoph. Er wollte über Spinoza promovieren. Hatte ich keine Ahnung von. Ich sagte ihm, dass es doch keinen Zweck hätte, weiterzureden, solange ich nicht seine Platte kannte. Barbara gab mir eine. Ich ließ sie von Kunze signieren. (…) Ich sagte ihm, ich kann mich ja noch mal mit dir in Verbindung setzen, wenn ich tatsächlich einen Artikel über dich schreibe. Den Deibel würde ich tun. Keine Promotion für diese Nappsülze. (…)

Ein „Best of“ von Wolfgang Welts journalistischen Texten

Um doch noch in den Genuss der Musiktexte und Rezensionen Wolfgang Welts zu kommen, kaufte ich mir anschließend den gerade neu erschienenen Band „Ich schrieb mich verrückt. Texte von Wolfgang Welt 1979–2011“ (Klartext-Verlag). Er enthielt ein so rühmendes wie treffendes Vorwort von Peter Handke: „Ich lese, habe gelesen und werde lesen die Bücher von Wolfgang Welt als eine grundandere Art von Geschichtsschreibung.“

Danach machte ich Wolfgang-Welt-Pause: Seine Bücher ruhten in meinem Regal, ich hatte alles Erreichbare von ihm verschlungen. Die Entstehungsgeschichte von „Ich schrieb mich verrückt“, die ich zum Beispiel in der RP hätte nachlesen können, war mir entgangen: Der Herausgeber Martin Willems hatte ebenfalls, allerdings Jahre vor mir, Wolfgang Welt über den Suhrkamp-Band „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ entdeckt – und ihm schließlich einfach einen Brief geschrieben und in Bochum getroffen. So entstand mit Welt gemeinsam die Idee, die alten Pop- und Rocktexte aus Marabo, Überblick, Sounds und Co in Archiven zu suchen und zu kompilieren. Was passte, den Willems war als popkulturbegeisterter Archivar des Rheinischen Literaturarchivs vom Fach.

So, und jetzt schlage ich den persönlichen Bogen in dieser Wolfgang-Welt-Empfehlungsgeschichte: 2020 recherchierte ich, inzwischen Kolumnist bei der Westdeutschen Zeitung, zum Lokal Rosenkränzchen in der Düsseldorfer Altstadt, in dem sich von 1909 bis 1911 Künstler und Literaten in einem Hinterzimmer getroffen hatten, unter anderem der berüchtigte Schriftsteller Hanns Heinz Ewers und seine Frau Ilna Ewers-Wunderwald (mehr dazu hier). Für die Bebilderung des Artikels wandte ich mich an das Heinrich-Heine-Institut bzw. das ebendort angeschlossene Rheinische Literaturarchiv, das den Nachlass der beiden verwaltet – und Martin Willems meldete sich zurück und schickte mir passende Fotos. Noch war mir nicht bewusst, dass sich es bei ihm nicht nur um den Wolfgang-Welt-Herausgeber handelte, dessen Buch ich acht Jahre zuvor gekauft hatte, sondern inzwischen auch um dem Co-Kurator der 2018er Ausstellung über Wolfgang Welt im Heinrich-Heine-Institut, die ich aus mir unerklärlichen Gründen verpasst hatte, und ebenso um den Autor einer „Lange Nacht“-Sendung über Wolfgang Welt im Deutschlandfunk.

Das alles wurde mir erst klar, kurz bevor wir uns persönlich kennenlernten, und zwar so: Sven Brömsel, gemeinsam mit Martin Willems verantwortlich für eine weitere, aktuelle Ausstellung im Heinrich-Heine-Institut über das Leben und Werk der erwähnten Ilna Ewers-Wunderwald (siehe hier), hält im März 2022 einen Vortrag über eben diese – und danach sitzen wir noch mit einigen Wunderwald-Faszinierten bei Bier und Wein in einem Lokal. Ich erzähle Martin Willems, dass sein Welt-Buch bei mir im Regal steht, und er erzählt über Wolfgang Welt: Wie die beiden in den Jahren vor Welts Tod 2016 zu Freunden geworden sind und wie er nun im Rheinischen Literaturarchiv dessen Nachlass verwaltet. Ich erfahre auch, dass er zwei neue Sammelbände herausgegeben hat, die das Konzept des ersten aufnehmen und um aus den Archiven gehobene Welt-Schätze erweitern: „Die Pannschüppe“ enthält den gleichnamigen unvollendet geblieben Roman sowie Geschichten und Literaturkritiken. „Kein Schlaf bis Hammersmith“ widmet sich Welts musikjournalistischen Texten.

Beide Bücher sind in sehr schöner und aufwendiger Aufmachung (inklusive Fotos und QR-Codes mit Audioschnipseln) im popkulturaffinen Verlag Andreas Reiffer erschienen. Seit März nehme sie immer wieder mal zur Hand und entdecke Neues.

Besonders gefreut habe ich mich über die Auflösung des in „Peggy Sue“ angeteaserten Heinz-Rudolf-Kunze-Konflikts gefreut. Welt hat nämlich doch noch einen Artikel über ihn geschrieben, allerdings wie versprochen „keine Promotion“. Möglicherweise ist „Poesie mit Schlips & Kragen“ (Musikexpress 3/1982) sogar der originellste und zugleich gnadenloseste Verriss aller Zeiten im deutschen Pop-Journalismus:

„(…) Heinz Rudolf Kunze ist ein Mensch, der am liebsten den Nobelpreis für Literatur, jedes Jahr eine Goldene Schallplatte und den Orden wider dem tierischen Ernst gleichzeitig erhalten möchte. (…) Die Musik ist keimfrei, schlichtweg langweilig und selbstverständlich mit allen Schikanen produziert. Kunze kann nicht singen, ist aber auch auf diesem Gebiet sehr von sich angetan. (…)“

Und dann über den Songtitel „Romanze“: „(…) Im Grunde ist dies ein Lied übers Wichsen. Statt aber das Kind beim Namen zu nennen, bosselt er verklemmt mit Versmaßen rum, als sei er Heinrich Heine. (…)“

Im Gegensatz dazu bekommen Motörhead in der Titelgeschichte des Buches, für die Wolfgang Welt die Band auf Tour durch England begleitete, vergleichsweise liebevoll ihr Fett weg (Musik Express 5/82):

„(…) Hinter der Combo ist tatsächlich eine riesige Faust mit beweglichen Fingern installiert, deren Kuppen beleuchtet sind. Bereits nach zwei Nummern jedoch streikt das Ding. Dafür wird Nebel ins hauptsächlich männlich-pubertäre Publikum gejagt und Blitze in die Höhe geschossen, als wolle uns die GSG9 wie in Mogadischu blenden und überfallen. All der Firlefanz kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Motörhead nichts Weltbewegendes auf der Pfanne haben. (…) Viele hatten mich bereits vor Antritt der Reise für tot erklärt. Aber Eddie, Lemmy und Phil zwingen keinen zum Mitsaufen. Sehr tolerant und privat ungewöhnlich zuvorkommend. Jede Mutter würde sich einen der drei als Schwiegersohn wünschen (bei entsprechender Kleidung). Nur Lemmy, warum macht ihr eigentlich so schreckliche Musik?!“

In diesem Sinne: Keiner in Bochum, keiner im Ruhrgebiet, keiner in Deutschland schrieb so wie Wolfgang Welt.

WEITERE INFOS

Wolfgang Welt im Verlag Andreas Reiffer: Interview mit Herausgeber Martin Willems

Wolfgang Welt im Suhrkamp-Verlag

Wer bei Spotify einen Premium-Account hat, kann dort das Hörbuch „Ich schrieb mich verrückt“ genießen, gelesen von Frank Goosen

Abschiedsbrief von Mike Litt anlässlich des Tods von Wolfang Welt 2016, dokumentiert im Literaturblog „Lesen mit Links“ von Jan Drees

TV-Beitrag über Wolfgang Welt und seinen Job als Nachtportier im Schauspielhaus Bochum

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