Das Gran von Hanns Heinz Ewers auf dem Nordfriedhof Düsseldorf

„Der Rabe“ und das Grab von Hanns Heinz Ewers

in Düsseldorf

Über diese Friedshofsbegegnung mit einem Raben (der auch eine Krähe gewesen sein könnte, aber egal) schrieb ich im Dezember 2023 auf der Facebook-Seite zu diesem Blog. Damit der Text dort nicht in den Tiefen des Feeds verschwindet, veröffentliche ich ihn hier erneut.

Die Koordinaten: Düsseldorf Nordfriedhof, Feld 78, Grab 55235. Eigentlich habe ich Hanns Heinz Ewers an diesem Vormittag gar nicht auf dem Schirm. Habe auf dem „Millionenhügel“ des Friedhofs für meine aktuelle Kolumne recherchiert („Senf“ und Farben – was van Gogh mit Düsseldorf verbindet“) – und komme auf dem Weg zum Parkplatz an dem Grab jenes Schriftstellers vorbei, der im DLF schon mal als „Stephen King des wilheminischen Kaiserreichs“ bezeichnet worden ist. Ab Mitte der Nuller Jahre bis Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war er Deutschlands meistverkaufter und meistübersetzter Autor. Seine letzte Ruhestätte wirkt bescheiden, hat keinen stehenden Grabstein wie die meisten anderen, sondern einen, der flach aufliegt, rundum bepflanzt mit Efeu, um diese Jahreszeit teils mit Laub bedeckt.

Hanns Heinz Ewers (1871-1943) ruht hier nicht allein. Bereits 1927 wurde an gleicher Stelle seine Mutter Maria beerdigt, wobei er – auf der Insel Capri weilend – die Trauerfeier verpasste, weil es nicht zu schaffen war, von dort aus rechtzeitig nach Düsseldorf zu reisen. Im Vorbeigehen mache ich einige Fotos des Ewers-Grabs. Mir fällt eine Gruppe Raben auf, die an der anderen Seite des Wegs herumpickt, die auf dem Boden liegenden Blätter aufwühlt, kurz auffliegt, weiterzieht. Ich checke mein Smartphone: Auf einem der Fotos ist, ohne dass dies meine Absicht gewesen wäre, einer aus der „Raben-Gang“ zu sehen – allerdings am asphaltierten Friedhofsweg. Schade, denke ich: Festzuhalten, wie sich ein Rabe direkt auf dem Grab von Hanns Heinz Ewers niederlässt – das wäre es gewesen.

Ein Rabe am Grab des „Der Rabe“-Übersetzers

Warum? Klar, Raben werden ohnehin gerne in Metaphern gekleidet – als „Boten des Unglücks“ oder „Hüter des Wissens“, mit düsteren bis mystischen Vorzeichen. Passt schon mal sehr gut zu einem der Urväter des deutschen Schauerromans. Doch es gibt noch eine weitere Verknüpfung. Als einer der ersten übertrug Hanns Heinz Ewers „The Raven“ ins Deutsche – das berühmteste Gedicht seines schriftstellerischen Vorbilds Edgar Allan Poe. Seine Mutter Maria Ewers wiederum, die wie gesagt mit im Grab liegt, übersetzte ebenfalls einige Poe-Erzählungen, die bis heute in einer Poe-Gesamtausgabe neu aufgelegt werden.

Ich bemerke, dass einer der Raben ein rot leuchtendes Objekt mitschleppt. Er setzt sich auf den Ast eines Baumes, bearbeitet seine „Beute“ – bis sie ihm herunterfällt. Ich nähere mich, erkenne, dass es sich um ein Grablicht aus rotem Plastik handelt, mit halb heruntergebrannter Kerze. „Die“ Gelegenheit: Ich hebe es auf, stelle es auf den Ewers-Grabstein. Dann gehe ich an der anderen Seite des Friedhofswegs in die Hocke. Weit genug entfernt, so hoffe ich, um im optimalen Fall doch noch „mein“ Hanns-Heinz-Ewers-Raben-Foto zu machen. Drei bis vier Minuten passiert nichts, und ich will schon aufstehen und gehen, da bricht einer der Raben aus der Gruppe aus und fliegt heran. Der Vogel landet etwa fünf Meter vom Ewers-Grab entfernt. Hüpfer für Hüpfer kommt er näher. Läuft er nun in das „Bild“ hinein, das ich machen möchte? Noch pickt er im Gras herum, scheint unschlüssig. Doch dann ist er da, fixiert das Grablicht, das ich am Kopfende des Steins abgestellt habe. Ist das der Rabe von eben? Ob er sich das Grablicht jetzt erneut schnappt und wegfliegt? Noch verharrt er im Efeurahmen. Schnabelentfernung. Würde er sich einen Tick vorbeugen, so könnte er das Objekt der Begierde erreichen.

Ich mache ein halbes Dutzend Fotos, zoome die Szene heran: Ein Rabe am Grab des Poe-Verehrers und „The Raven“-Übersetzers Hanns Heinz Ewers und der Poe-Übersetzerin Maria Ewers. Material für das nächste Social-Media-Posting? Während ich mich dies frage, hüpft der „Ewers-Rabe“ weiter – weg vom Grab, ins Grün des Friedhofs hinein.

Klauen Raben Grablichter?

Wieder zu Hause frage ich Google: „Klauen Raben Grablichter?“ Ich finde mehrere Zeitungsartikel, die von diebischen Raben, Krähen, Elstern und Dohlen berichten, die es allesamt auf Grablichter abgesehen haben – und lerne: Diese Vögel lieben paraffinhaltige Hartwachskerzen. Sie picken das Wachs aus den Grablichtbehältern und schmieren sich damit ihre Federn ein, um gegen Kälte und Nässe geschützt zu sein. Bevor ich es vergesse: Mein „Ewers-Rabe“ hat das Grablicht stehen lassen, und wenn du heute oder morgen vorbeischaust und es nicht mehr da sein sollte, so ist er wohl zurückgekommen – oder einer seiner Kollegen …

Historisches Foto: Heinrich-Heine-Institut, Hanns Heinz Ewers und seine Mutter Maria in ihrem Haus an der Immermannstraße 22

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