Formentera Grüße aus Düsseldorf-Süd
80er-Jahre-Kult-Postkarte: vorne Formentera, hinten Düsseldorf

Die Düsseldorf-Formentera-Connection: Interview mit Ekkeheart Gurlitt

in Düsseldorf/Interviews/Popkultur

Wer in den 1980ern und 1990ern auf den Balearen Urlaub machte, hat mir hoher Wahrscheinlichkeit eine der Insel-Postkarten von Ekkeheart Gurlitt verschickt. Im Interview erzählt der Fotograf von der wilden Hippie-Zeit auf Formentera, der Verbindung zu Düsseldorf, dem Sonnenschirm von Chris Rea und wie er per Zufall als erster nackter Mann auf dem Cover des STERN landete.

Für meine Kolumne auf viernull.de habe ich mich auf die Suche nach einer Postkarte gemacht, die Düsseldorf und Formentera verbindet. Nachzulesen ist „Formentera – der südlichste Teil der Stadt“ hier (Bezahlschranke). Weil der Fotograf eben dieser Postkarte Ekkeheart Gurlitt (72), dessen Name der eine oder die andere vor ein paar Jahren vielleicht auch in Bezug auf das Kunst-Erbe seines Großcousins Cornelius Gurlitt gehört hat (hier ein Interview im ZDF), darüber hinaus so viel Spannendes über die einmalige Verbindung einer spanischen Insel und einer deutschen Großstadt zu erzählen weiß, folgt hier im Blog, quasi als „Bonus-Track“ zur Kolumne, ein exklusives Interview, Formentera-Postkarten inklusive.

Wann und wo hast Du zum ersten Mal von der Insel Formentera gehört?

Ekkeheart Gurlitt: Dazu muss ich eine kurze Vorgeschichte erzählen: Im Spätsommer ’68 ertönte in der ASTA-Studentenbewegung meiner Heimatstadt Freiburg der Schlachtruf „Ab in den Süden“. Oder auch: „Auf nach Asien“. Denn die Beatles waren ja schon dort und die „Orange People“ propagierten freie Liebe und freie Drogen aus Nepal, Thailand und Indien.

Da war ich gerade mal 20, hatte soeben meine dreijährige Lehre als Schriftsetzer und „Schweizerdegen“ in Konstanz am Bodensee beendet. Und nun klaute ich meiner Mutter heimlich 400 Mark „Schmerzensgeld“ aus ihrer Haushaltskasse und machte mich noch in der Nacht per Anhalter, nur mit Rucksack und Gitarre und mit weiteren 300 Mark in Traveller-Schecks auf den Weg zum sogenannten „Hippie-Highway“, der von Österreich über Slowenien, Jugoslawien und Bulgarien bis in die Türkei und in Asien bis Nepal und Indien führte, mit dem Fernziel Australien.

In der damals noch lausigen Absteige Spinzar Hotel in Kabul hörte ich zum ersten Mal, dass Hippies aus Kalifornien sich auf zwei spanischen Mittelmeerinseln niedergelassen hätten und dass sich dort alle nackt am Strand tummeln und Haschisch rauchen würden und sich der freien Liebe und der Liebe im Freien verschrieben hätten.

Wie lange dauerte es dann noch bis zum ersten Formentera-Besuch?

Ekkeheart Gurlitt: Leider noch viel zu lange, denn eigentlich hätte ich in Afghanistan am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht, um zurück nach Europa zu trampen und diese paradiesischen Zustände auf Ibiza oder Formentera schnellstens mitzuerleben. Aber ich hatte ja meinen Plan von einem Abenteuerleben in Australien und Neuseeland, den ich dann doch vier Jahre lang auch voll genossen und ausgelebt habe.

Auf der Rückreise durch die faszinierenden Inselwelten Indonesiens fing ich mir eine schwere „Malaria Tropica“ ein. Und wenn man als Deutscher in einem fremden Land dieser Welt schwer krank wird, träumt man in den ersten Fieberträumen ja irgendwie automatisch von einem deutschen Krankenhaus. Schwer angeschlagen schlug ich mich also noch bis Ägypten durch und flog von dort aus zurück nach Deutschland, wo ich mich im Tübinger Tropenkrankenhaus auskurieren konnte.

Zur erfolgreichen Genesung und Reha schenkten mir meine Eltern einen Hin- und Rückflug nach Ibiza – den Rückflug ohne festes Datum, den ich später allerdings verfallen ließ. Auf Ibiza  kam es schon in der ersten Woche zu einer schicksalhaften Begegnung mit einer lustig wuschigen Amerikanerin, die da meinte: Das mit den Hippies sei ja schon toll hier auf Ibiza, aber die Krönung in der Hinsicht „Make love, no war“ solle ja die Nachbarinsel Formentera sein, da sei es noch weit ruhiger, bunter und cooler.

Und so fuhren wir gleich am nächsten Tag mit der bereits damals legendären Holzbarkasse „Joven Dolores“ gemeinsam rüber, und schon beim Anblick dieser smaragdblauen Wasserfarbe und der menschenleeren Strände war ich regelrecht schockverliebt in dieses noch total verträumte Eiland.

Ekkeheart Gurlitt auf Formentera Salinen
Mit dem Rad vor den Salinen: Gurlitt als Hippie auf Formentera

Was konkret hat Dich an Formentera in den frühen 70ern so fasziniert?

Ekkeheart Gurlitt: Die unfassbare Schönheit der unberührt wirkenden Natur der Insel, die so entspannte Hippie-Szene, die schier unfassbar günstigen Preise, die fast täglichen Mitternacht-Partys und ganz wichtig für einen ambitionierten Fotografen wie mich: das geradezu magische Morgen- und Abend-Licht, der unglaublich klare Sternenhimmel und diese so üppig blühende und fast noch unberührte Natur. So etwas kannte ich bis dahin nicht, obwohl ich mir einbildete, auf meinen Reisen schon viel von der Welt gesehen zu haben.

Meine erste Miet-Finca, die Casa Edouardo, die alte Schule zwischen San Fernando und San Francisco – an einem holprig gelegenen Camino in Höhe Kilometer 5,6 – kostete gerade einmal 2000 Peseten pro Monat. Das waren nach damaligem Kurs circa 24 D-Mark. Naiv wie ich damals war, wollte ich nicht für das ganze Jahr durchbezahlen, weil ich ja die Winter entweder auf Bali, in Ceylon oder in Mexico verbrachte. Völlig klar, dass ich dann meine Behausungen im Frühjahr der neuen Saison immer wieder an andere Interessenten verlor, die den Landlords schon bald das Dreifache an Miete geboten hatten.

Die Preise stiegen geradezu stündlich rasant, und so musste ich meine nächsten Unterkünfte wie das Can Jordi Platé, direkt hinter dem Friedhof der Insel gelegen, dann auch das ganze Jahr hindurch mit 500 Mark im Monat bezahlen. Im Laufe der folgenden Jahre wurden meine Wohnmöglichkeiten eher wieder einfach und bescheiden: Zwei Betten, zwei Schränke, ein Schreibtisch, ein Zweiflammen-Gaskocher, drei Stühle und eine Dusche, die per Handpumpe mit Wasser aus einer Zisterne betrieben werden musste. Mir reichte das, mehr brauchte man nicht, schon gar keinen Fernseher. Nur meinen geliebten Sony-Weltempfänger, der mich schon in Australien begleitet hatte, verband mich über das Programm der Deutschen Welle mit meiner alten Welt. Man war ja ohnehin die meiste Zeit draußen mit dem Fahrrad unterwegs. Jeden Tag nackt am Strand, mit Freunden bei Pascal und Edith am Piratabus – und abends in der „Fonda Pepe“ bei Julian auf der Mauer. Überall herrschte eine total relaxte, non-konformistische Stimmung, und das war seit Nepal und Neuseeland genau mein Ding.

Wo auf Formentera waren die „Hippie-Reviere“?

Ekkeheart Gurlitt: Die wirklich echten Hippies lebten ja hauptsächlich auf La Mola, der Hochebene der Insel, außerdem am hinteren Teil der Playa Migjorn mit den Strandkiosken Piratabus und Blue Bar. Hinzu kamen dann aber noch einige Abschnitte an der Playa Illetas, die wir nur den „Franzosenstrand“ genannt haben, weil der Strandkiosk-Betreiber ein brubbeliger und einsilbiger Franzose war. Auch die Lokale Fonda Pepe in San Fernando und die Bars wie das legendäre Central und später die Fonda Platé in San Francisco, der Hauptstadt der Insel, waren frühe Hippie-Treffpunkte.

Schon immer empfand ich Sandstrände wie die auf Formentera als die mit demokratischsten Orte der Welt, denn wo alle nackt sind, sind auch alle gleich. Das war mir schon immer immens wichtig, und da spielte es überhaupt keine Rolle, ob jemand Millionär ist oder ein bettelarmer Student oder Lebenskünstler, der sich mit Gitarrenspielen für Touristen über Wasser hält. Wir waren damals eine eng verschweißte Kommune, haben hier und da mal einen Joint kreisen lassen und weitestgehend von der Hand in den Mund gelebt. Man hatte selbst immer eine Gitarre dabei, organisierte romantische Lagerfeuer am Strand und bezirzte die Neckermann-Touristinnen mit sogenannten „Schlüpferstürmer-Liedern“. Also spielte auch ich mit meiner Gitarre die Songs von Bob Dylan, Leonard Cohen, Cat Stevens oder den Stones. Und wenn die Fonda Pepe, wo wir viel Zeit auf der Mauer vor dem Lokal und mit Blick auf die Kakteen verbrachten, dann nachts so gegen zwei zumachte, kauften wir uns einfach für 200 Peseten (damals circa 2,40 D-Mark) eine große Flasche Sangria und noch zwei Packungen „Celtas“ für je 6 Peseten, also Kippen für alle, und zogen mit Gitarre und Handtuch bis in die frühen Morgenstunden wieder an unseren Strand.

Gurlitt an der Playa Levante
Gurlitt an der Playa Levante

Die Rolle der Düsseldorfer in der Geschichte des Tourismus auf Formentera ging auch an den Hippies nicht vorbei, oder?

Ekkeheart Gurlitt: Klar, das ist jedem aufgefallen, und von den Hippies kamen ja auch viele aus dem Rheinland. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger war Formentera als Urlaubsziel im Mainstream noch wenig bekannt. Und weil nur die LTU per Charter nach Ibiza flog, stammten die deutschen Formentera-Pioniere eben meistens aus Düsseldorf und Umgebung. Dadurch gab es nicht wenige, die sich eine schmucke Casa bauten oder eine alte Finca auf der Insel gekauft und einmalig originalgetreu restauriert hatten.

Alles lief bestens über Mund-zu-Mund-Propaganda. Und dann kamen im Laufe der Siebziger die ersten Reiseveranstalter auf, etwa Bodo Reinhardt mit seiner „Reinhardt Touristik“ aus Düsseldorf, die sich exklusiv auf Formentera spezialisierten und günstige Bungalows und einfache Apartments vermieteten. Insofern kann man auf alle Fälle behaupten, dass die touristische Entdeckung der Insel eindeutig über Düsseldorf ihren Ursprung nahm.

Um 1980 am "Franzosenstrand"
Um 1980 am „Franzosenstrand“

Wie muss man sich das Siebziger-Jahre-Leben der Hippies auf der Insel vorstellen: Entsprach das den Klischees von „freier Liebe“ mit ständig wechselnden Partnern?

Ekkeheart Gurlitt: Gerade die sexuelle Fantasie kennt ja bekanntlich keine Grenzen, und wir hatten uns die geile Devise der „Kommune 1“ von Rainer Langhans und Uschi Obermaier abgekupfert und angeeignet, die da lautete: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ An diesem oft strapazierten Spruch war schon viel Wahres dran, wobei ich betonen möchte, dass er nicht zwangsläufig als Programm zu verstehen war – eher als Zeichen unserer Toleranz und Abkehr von jeglichem Besitzer-Streben. Ich fand es ziemlich cool und unaufdringlich, den Mädels, die meine Wege im Alltag auf der Insel kreuzten, als ein Gentleman und Gitarrenspieler zu imponieren.

Das war ein perfektes Instrumentarium, um unkompliziert einen schnellen Kontakt zum weiblichen Geschlecht herzustellen. Ich hatte mir ja schon in Australien und auf dem „Hippie-Highway“ in Asien einiges Geld mit Straßenmusik verdient. Und auf Formentera spielte ich oft „für umme“ vor der „Fonda Pepe“, um Reiseleiter und auch Reiseveranstalter auf mich aufmerksam zu machen. So kam es, dass ich immer dienstags und freitags für „Lagerfeuer-Abende“ mit „echtem Hippie“ gebucht und gut bezahlt wurde. Da blieb es natürlich nicht aus, dass ich auch ein paar Flamenco-Lieder singen und spielen musste. Das weltberühmte kubanische Volkslied von dem Mädchen aus Guantanamo, also „Guantanamera“, wurde mindestens dreimal pro Abend als Zugabe verlangt, was natürlich nochmal gutes Trinkgeld in meinen Hut zur Folge hatte. So ging ich an solchen Abenden mit mindestens 200 Märkern nach Hause. Diese Traumgagen, selbstredend alle unversteuert, finanzierten mir nicht nur meine ganzen Sommer auf der Insel – ich konnte sogar noch genug für lange Winter in Alemania und für meine Fernreisen nach Fernost oder Mexico oder Guatemala ansparen.

Gurlitt gibt ein Mini-Konzert vor der eigenen Haustür
Gurlitt gibt ein Mini-Konzert vor der eigenen Haustür

Die Strand-Feste hatten vermutlich den einen oder anderen Düsseldorf-Kontakt zur Folge?

Ekkeheart Gurlitt: Genau, aber es waren nicht nur die „Lecker Mädsche“ aus Düsseldorf, die ich so kennenlernte, sie kamen aus allen Windrichtungen Deutschlands, mit dem Rheinland als klarem Schwerpunkt. Lustiges Kuriosum: Die Adressen, die ich im Laufe des Sommers sammelte, trug ich nicht etwa alphabetisch geordnet nach Namen von Personen in mein Adressbuch ein, sondern nach Städten. Das erwies sich nämlich als besonders praktisch, denn statt bei „A“ eine etwaige „Andrea“ einzutragen, stand unter „A“ die Stadt Aachen oder bei „D“ nicht Doris, sondern eben Düsseldorf oder Darmstadt. So musste ich bei meiner Wintertour durch die Republik immer nur die jeweilige Seite aufmachen, bei dessen Buchstabe ich gerade zu Besuch war, und eben nicht alle Namen von A bis Z durchforsten, ob etwa noch jemand in Aachen oder Düsseldorf zuhause war. Hoffentlich klingt das nicht zu machomäßig oder großspurig, aber so war das eben damals: Wir waren Mitte Zwanzig, hatten diesen ewigen Druck, uns mit den Schönsten der Schönen möglich oft zu vereinigen, hingen die meiste Zeit nackt oder halbnackt am Strand rum und liefen auch sonst nur spärlich bekleidet durch die Gegend. In diesem Sinne empfand ich Formentera in den ersten Jahren tatsächlich als ein wahres Paradies.

Im Endeffekt bin ich durch die fantastische Natur der Insel und die geballte Ansammlung schöner junger Menschen zur Fotografie gekommen, weil ich logischerweise vor allem auch die intime Schönheit meiner jeweiligen Freundinnen für die Ewigkeit auf Zelluloidfilmen konservieren wollte. Reiner Egoismus also…

Spanien war bis zum Jahr 1977 eine Diktatur. Hattet Ihr auf Formentera als Hippies Probleme mit der Polizei?

Ekkeheart Gurlitt: Manchmal schon. In meiner Anfangszeit auf der Insel, wurde ich sogar mal wegen Nacktbaden an einer total einsamen Stelle am Migjorn-Strand von der taffen Guardia Civil verhaftet und für zwei Tage ins Gefängnis gesteckt. Das Kuriose und Aberwitzige dabei war aber, dass nur ich verhaftet und mitgenommen wurde. Die Frau, mit der ich ganz harmlos gemeinsam am Strand gelegen hatte, aber nicht. Die musste sich nur etwas überziehen und dann schleunigst in ihr Hotel zurück. Andererseits wurde es von der Polizei vollkommen ignoriert und somit quasi geduldet, wenn ein „Dope-Pfeifchen“ oder ein Shillum an der Fonda-Mauer die Runde machte.

Auch wenn man mit gut zwei Promille noch Auto oder Moped, selbstverständlich ohne Helm, fahren konnte, bestand quasi keine Gefahr, von der Polizei erwischt zu werden. Schließlich saßen die Jungs selbst zu gerne in den Kneipen und fuhren danach sicherlich auch mal stramm wie Hulle nach Hause – oder sogar weiter auf Streife …  Umso absurder deshalb, dass einem als Mann und Fremden das reine Nacktbaden mindestens zwei Tage Knast und 5000 Peseten Strafe einbringen konnte. Damals viel Geld für mich als Hippie mit schmalem Salär.

Und was passierte im Winter innerhalb der Hippie-Szene auf der Insel?

Ekkeheart Gurlitt: Einige blieben da, und leider wurden auch einige dieser oft tragischen Figuren spätestens im Februar eines kalt-klammen Winters restlos zum Alki, wobei sich „klamm“ nicht nur auf die feuchten Betten, sondern auch auf das Portemonnaie bezog. Viele reisten aber nach Fernost und Lateinamerika, oder besuchten – so wie ich – Freunde, Bekannte und ihre Familien in Deutschland. Mein Adressbuch war daher unter „D“ besonders voll.

So habe ich dann relativ preiswert und kuschelig bis Ende der 70er Jahre die Wintermonate in Düsseldorf verbracht – in einem Winter sogar mal versteckt in 16 Quadratmetern bei einer süßen Krankenschwester in ihrem Schwesternwohnheim auf der Kirchfeldstraße. Jeglicher Herrenbesuch wurde nach der zweiten Mahnung mit fristloser Kündigung geahndet – falls man erwischt wurde. Aber wir wurden nie erwischt, obwohl ich mich regelmäßig am Pförtner vorbeimogeln musste. Da ich jedoch selbstverständlich für unseren sehr bescheidenen Lebensunterhalt mit beisteuern wollte, bin ich immer samstags an meinem Stammplatz in der Flinger-Passage an der Heinrich-Heine-Allee als Straßenmusiker aufgetreten. Meine Gitarre war in einem Schließfach am Hauptbahnhof untergebracht. Manchmal stand ich auch bei gutem Wetter in den Gassen der Altstadt. Außerdem habe ich gelegentlich als Gast-Gitarrist bei Livebands in den Kneipen auf der Bolker Straße mitgespielt, im Weißen Bären oder in Dä Spiegel. Privat habe ich zu späterer Stunde gerne im Ratinger Hof abgetanzt und immer nur Cola oder Fanta getrunken, war gerne zum Abendessen und Klönen in der Uel und bei Conny, gleich daneben im Einhorn. Speziell der legendäre Ratinger Hof war anfangs ja noch kein Treff der Punks, eher eine Art Rock-n-Roll-Kneipe, wo die Leute richtig abgefeiert und Luftgitarre gespielt haben.

Zweimal gab es sogar einen Artikel in der Rheinischen Post über mich: In einem wurde ich als der musizierende Insulaner und Hippie-Barde aus Formentera vorgestellt, der ohne Mikrofon und Verstärker-Anlage, die ganze Flinger-Passage beschallen konnte. Der andere Artikel hatte leider keinen sehr erfreulichen Hintergrund: Eines Abends war ich mal wieder als Gast in der Uel und erlebte, wie einer der Köche vor aller Augen mit einem riesigen Küchenmesser auf eine Frau losging – seine langjährige Freundin, wie sich später herausstellte. Ich, immer noch der alte harmoniesüchtige Friedensaktivist, ging energisch dazwischen, wurde aber leider im Eifer des Gefechts durch drei üble Stiche in Bauch und Oberschenkel schwer verletzt und lag anschließend zehn Tage am Tropf und im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Das Ganze hat mich dann auch noch 8000 Mark gekostet, und weil ich damals noch keine Krankenversicherung hatte, musste ich alles selbst bezahlen.

Du warst der erste, der ab 1980 stylische Formentera-Postkarten mit kunstvollen Fotos angeboten hat. Wie kam es dazu?

Ekkeheart Gurlitt: Nach und nach habe ich nicht nur die schönsten Mädels, sondern auch die einmalig anmutende Landschaft auf Formentera fotografiert. Damals war ich noch ein ehrgeiziger Morgenjogger und richtig gerne in aller Herrgottsfrühe unterwegs in der Natur. Total verrückt und mühselig: Bei all meinen morgendlichen Sprints habe ich in den Anfangsjahren meiner Fotografie-Ambitionen immer eine Kamera dabeigehabt. Es war allerdings eine ganz simple Agfa Optima, nicht mehr als 250 Mark teuer. Für gelungene Aufnahmen sorgten lediglich drei ganz einfache Tricks. Erstens: Die „blaue Stunde“ morgens und abends für jeweils nur 20 Minuten, mit diesem magischen, goldgelben Licht und dem Kontrast des dazu tiefblauen Himmels. Zweitens: Einfach mal im Sommer um halb fünf aufstehen und einen Streifzug durch die Natur machen. Drittens: Unbedingt den hochwertigen Dia-Film „Kodachrome 25“ besorgen und ein waches Auge für Motive mit viel Kontrast von Licht und Schatten haben. So gelingen tolle Fotos auch mit der einfachsten Kamera.

Eine blaue Hausfassade mit einer simplen Wäscheleine, eine Bäuerin auf dem Feld mit ihren Schafen, eine Brandungswelle am Illetas-Strand oder einfach nur rosa zarte Wellen am Abendhorizont: Vor allem solche fast grafischen Motive waren die Verkaufshits meiner ersten Postkartenserie auf der Insel. Allein schon vom Format her war das etwas völlig Neues. Vorher gab es ja nur diese klassischen Postkarten auf Formentera, in der kleinen Weltpostkarte-Standardgröße. Die hatte ich zwar anfangs auch im Programm, bin dann aber schnell auf das größere Format 12×17 cm umgestiegen. Später kamen dann die ersten Luftaufnahmen dazu, wofür ich auf Mallorca extra einen Pilotenschein für Ultra-Light-Glider gemacht habe. Formentera von oben, das gab es bis dato auch noch nicht in dieser Qualität und Schärfe.

Was glaubst Du: Warum waren die Karten so erfolgreich?

Ekkeheart Gurlitt: Ich glaube, da gibt es gar kein großes Geheimnis: Ich hatte damals noch null Konkurrenz und nur einen einzigen Mitbewerber, den Großverlag Escudo de Oro aus Barcelona. Und das neue Format, die völlig neuen Motive und die Qualität der eigentlich recht simplen Aufnahmen auf 350-Gramm-Hochglanz-Postkartenkarton kamen bei meiner Kundschaft sehr gut an. Wahnsinn, aber selbst Rentner-Touristen waren plötzlich bereit, sogar den sechsfachen Preis einer ortsüblichen Postkarte zu bezahlen. Schon drei Jahre nach Markteinführung waren die Karten ein Selbstläufer, denn Kleinvieh macht ja bekanntlich auch viel Mist.

Postkarten müssen ja einfach nur schön bunt und kitschig grell sein. Sie müssen den Empfänger zuhause richtig neidisch machen, sodass er sich die Frage stellt: Warum bin ich eigentlich selbst noch nie dort gewesen? Das ist doch der eigentliche Sinn und die klassische Aufgabe einer verschickten Urlaubspostkarte. Wobei sie nicht notwendigerweise einen spektakulären Strandblick oder Sonnenuntergang zeigen muss. Ein Foto sagt oft mehr als tausend Worte. Und wenn dich eine Aufnahme spontan inspiriert und deine Seele berührt oder deinen Humor oder deine Sinnlichkeit – dann ist das ein gutes Postkartenmotiv.

Das Postkarten-Konzept expandierte …

Ekkeheart Gurlitt: Nachdem die ersten Foto-Grußkarten so gut angekommen waren, habe ich ab den 80er Jahren jedes Frühjahr eine neue Kollektion herausgebracht, in Blöcken von je sechs Motiven. Und natürlich lag es auf der Hand, ähnliche Karten auch für Ibiza und den Rest der Balearen zu produzieren, wo ich ja auch ohnehin regelmäßig war. Später kamen dann noch die Kanarischen Inseln dazu, denn man darf ja nicht vergessen: Ich habe in den ersten zehn Jahren alle Kunden auf den Balearen persönlich akquiriert und regelmäßig abgeklappert, beliefert und kassiert. Ich kann hier aber leider nicht verraten, wieviel Kunden ich hatte und wieviel Karten ich pro Saison verkauft habe, sonst kommt nächste Woche noch das spanische Finanzamt und stellt mir eine dicke Nachforderung.

Nach der Wende kam bei meinen Kollektionen noch die gesamte Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns von Kühlungsborn bis Swinemünde in Polen dazu, parallel auch noch das frisch renovierte Dresden. In den 90er Jahren folgten die norditalienische Küste – genauer gesagt der Teil, der damals von den Deutschen nur der „Teutonengrill“ genannt wurde – sowie Lissabon und die Algarve, später Kuba und, ab 1986 die Stadt meiner Träume, meine neue Heimat Barcelona.

In Rimini gab es meine Karten noch bis vor ein paar Jahren – allerdings längst nicht mehr bei mir bestellt, sondern ganz dreist abgekupfert und mit neuem Produzenten-Namen versehen.

 

Zurück nach Formentera: Wie entwickelte sich der Tourismus dort in den späten 70ern und frühen 80ern? 

Ekkeheart Gurlitt: Es wurde Jahr für Jahr kontinuierlich mehr. Und so gab es dann in Es Pujols (Insider-Name: Puschelsdorf) auch die ersten Läden und Lokale, die sich speziell auf die Bedürfnisse der Deutschen einstellten – zum Beispiel das Café Espardell, wo man den besten deutschen Kuchen und knackige Brötchen bekommen konnte und wo schon früh die Sportschau per Satellit empfangen wurde. Oder man traf sich zum Absacker beim Punto-Rolf oder beim Chez Fred, das zu Beginn noch ebenfalls vom Manfred (nein, er wollte nicht „Manni“ genannt werden) aus Düsseldorf betrieben wurde. In Es Pujols war bei den Düsseldorfern besonders die Bar im Erdgeschoss des Hotel Sa Volta beliebt, und abends die von Philippe und Elly in Pujols betriebene Tennis Bar. Das Las Ranas hinter der Fonda Pepe in San Fernando und die La Tortuga mit dem Klassiker-Menü „Formentera-Schwein“ waren damals erste Adressen für deutsch-spanische Spitzengastronomie auf der Insel.

Während also der sanfte Tourismus auf der Insel fast 30 Jahre fest von den Deutschen entwickelt und gepflegt wurde, war es Anfang der 80er Jahre auf einen Schlag mit der Ruhe und der meist alternativen Szene in Puschelsdorf und San Fernando vorbei. GOING hieß die erste italienische Reiseagentur, die gleich zu Beginn massenweise laute und erlebnishungrige Touris in die größeren Hotels wie das Formentera Playa oder in den Club Mar-y-Land karrte.

Heute wird Formentera in der Boulevardpresse gerne als „Promi-Insel“ gehandelt. Wie war das Anfang der 80er?

Ekkeheart Gurlitt: Damals war es bei Weitem nicht so wie heute. Dennoch sah man immer wieder auch Leute, die in Deutschland aus Funk- und Fernsehen bekannt waren. Jean Pütz („Hobbythek“) kam regelmäßig von Ibiza nach Formi. Auch Wolf Biermann, der einmal mit Nina Hagen im Schlepptau ebenfalls von Ibiza aus rübergemacht hatte, sah man öfter am Piratabus, ebenso wie Uschi Obermeier und Rainer Langhans. In der lockeren Szene am Strand des Piratabus wirkte Biermann aber eher wie ein „Fremdkörper“. Er holte jeden Nachmittag seine Gitarre raus und spielte und übte stundenlang, man musste aber mucksmäuschenstill sein, sonst packte er sofort wieder ein und verschwand.

Gurlitt mit Jean Pütz auf Formentera
Gurlitt mit Jean Pütz auf Formentera
Gurlitt mit Nina Hagen auf Formentera

1979 schrieb der STERN einen Artikel über das aufstrebende Top-Model Frauke Quast. Aufhänger: „Ich will so stolz sein wie die Dietrich – die siebzehnjährige Schülerin aus Duisburg macht in Paris Karriere als Model und Mannequin. Ein deutscher Beachboy hatte sie auf Formentera entdeckt.“

Ekkeheart Gurlitt: „Beachboy“ hatte mich bis dahin noch keiner genannt (lacht). Tatsächlich war das für mich schlussendlich aber eine eher unangenehme Geschichte. Frauke kam aus Duisburg, machte mit ihrer Mutter und einer Freundin Urlaub auf Formentera, ich erkannte ihr Potenzial, machte Fotos von ihr, investierte Zeit und vermittelte Kontakte. Inzwischen war ich ja in der Szene gut vernetzt, und so kam es, dass sie für erste Aufträge nach Paris ging und später vom berühmten Albert Watson fotografiert wurde – gleich 28 Seiten in der Vogue. Noch im selben Jahr wurde sie sogar eines der Lieblingsmodels von Helmut Newton. Ihr Vater meinte aber, sie wäre sowieso irgendwann entdeckt worden, und so habe ich für mein Engagement nie ein Honorar bekommen und blieb auf allen Investitionskosten sitzen …

So oder so hattest Du Dich nach Deinem Einstieg über die Kult-Postkarten international  als Fotograf etabliert?

Ekkeheart Gurlitt: Ja, das Geschäft lief richtig gut. Ich wurde sogar einer von 20 Staff-Fotografen bei der renommierten Pariser Bild-Agentur Gamma Images, arbeitete auf Ibiza und Formentera nebenbei als Location-Scout und Assistent namhafter Fotografen und Designer – etwa Peter Lindbergh, David Hamilton, Philippe Starck, Patrice Calmettes oder Gerd Vormwald. Auch Wolfgang Behncken, 29 Jahre lang Art Director beim STERN, kannte ich gut. Er kam damals oft zweimal pro Jahr zum Ausspannen und Fotografieren nach Formentera.

Auf Deiner Website ist ein originelles STERN-Cover vom 20. August 1980 zu sehen, und Du bist das Titel-Model, auf den Armen getragen von einer hübschen Frau, beide nackt. Dazu die Headline: „Singles im Urlaub: Die Suche nach dem Glück zu zweit“. Wie kam es zu diesem Foto und hat sie Dich wirklich getragen?

Ekkeheart Gurlitt: Kurz gesagt: Ich war mit diesem Foto tatsächlich der erste nackte Mann auf dem Titel des STERN, aber das war nicht geplant und passierte rein zufällig. Der schon erwähnte Wolfgang Behnken weilte mal wieder auf der Insel und hatte wie immer ein paar Ideen für Fotos und Reportagen mit im Gepäck. Einfach aus einer guten Laune heraus sind ein paar Fotos von mir und meiner damaligen Freundin Petra entstanden. Und dabei kam die Idee auf, sie solle mich doch mal auf den Armen tragen, also quasi als Motiv mit vertauschten Geschlechterrollen. Natürlich hat sie es nicht mehr als drei bis vier Sekunden geschafft, mich zu halten. Wenn man aber genau hinschaut, sieht man, dass das Foto kein Fake ist und vor allem am Hals ihre körperliche Anspannung – obwohl das Foto sehr schön ein Gefühl von Leichtigkeit und Spaß rüberbringt, wie ich finde.

STERN-Cover vom 20. August 1980: Ekkeheart Gurlitt, der erste nackte Mann auf dem Titel

Wenn von Formentera und der Hippie-Szene die Rede ist, fallen oft berühmte Namen: Dass Joni Mitchell 1971 ihr Album „Blue“ auf der Insel geschrieben hat, scheint belegt zu sein. Ebenso, dass die Mitglieder von Pink Floyd einige Sommer auf der Insel verbracht haben. Und unzweifelhaft lautete der Name des ersten Songs auf dem Album „Islands“ von King Crimson „Formentera Lady“. Dass Bob Dylan in den 60ern für sechs Monate auf der Hochebene von La Mola gelebt hat, um in aller Abgeschiedenheit neue Songs zu schreiben, scheint hingegen eine Legende zu sein …

Ekkeheart Gurlitt: Dafür, dass Bob Dylan da war, gibt es keine Beweise. Und die Leute kamen in den 60ern, 70ern und 80ern ja auch nicht nach Formentera, weil da mal irgendwann irgendwelche prominenten Musiker, Maler oder Industrielle gewohnt oder gelebt oder nur Urlaub gemacht haben. Nein, sie kamen nach Formentera, weil sie die Insel mit ihrem so magischen Licht und einer ganz speziellen Ruhe und Abgeschiedenheit und mit noch unberührter Natur faszinierte.

Mit einem international berühmten Musiker hast du auf Formentera höchstpersönlich zusammengearbeitet – für einen der erfolgreichsten „Strand-Songs“ aller Zeiten.

Ekkeheart Gurlitt: Ja, der Brite Chris Rea war an der Playa Migjorn eine Zeitlang mein unmittelbarer Nachbar. Was viele Fans gar nicht wissen: Seinen berühmten Song „On the Beach“ hat er auf Formentera geschrieben, und das Video dazu ist auch auf der Insel entstanden. Die Fotos auf dem Vinyl-Platten- und CD-Cover stammen von mir.

Auch für Howard Carpendale habe ich zu der Zeit ein Album-Cover fotografiert, wo er verträumt an einem Strandkiosk auf Ibiza sitzt.

Mit Howi Carpendale und dem damaligen „Bravo-Girl 82“ auf Ibiza
Mit Howard Carpendale auf Ibiza

Auf dem schlicht-schönen Cover-Foto von „On the Beach” ist ein bunt-gestreifter Sonnenschirm am Strand zu sehen, ebenso auf den Fotos im CD-Booklet. Wenn man sich auf Deiner Website ein wenig umschaut, findet man eine Postkarte, auf der ein nackter Mann, der Dir verblüffend ähnlich sieht, am Strand einen freudigen Luftsprung ausführt und dabei eben diesen „Chris-Rea-Schirm“ in der Hand zu halten scheint …

Ekkeheart Gurlitt: Das ist natürlich kein Zufall, das bin ich und der Titel der Postkarte war auch sehr einladend: „Take it easy – Take me!“ Dazu muss ich noch erwähnen: Wir alle waren zwar gerne nackt am Strand, aber von meinen Freunden hatte keiner Lust, sich nackt auf einer meiner Postkarten wiederzufinden, also musste ich das selbst übernehmen. Und tatsächlich ist es derselbe Sonnenschirm wie auf dem Chris-Rea-Cover. Zu damaligen Zeiten hatte ich neben zwei Nikon-Kameras in meinem inseltypischen Formentera-Bastkorb immer ein paar Accessoires bei den Fotoshootings dabei, und dazu gehörte eben auch dieser bunte Schirm. Der wurde natürlich im Laufe der Jahre restlos verbraten für verschiedene Bilder, denn wenn man ständig die gleichen Accessoires mit in seine Fotos integriert, hat das den tollen Nebeneffekt, dass man in den Kartenmotiven eine gewisse Handschrift erkennt. Der Déjà-vu-Effekt war somit ganz gezielt geplant und absichtlich, sodass meine Postkarten sich sofort von allen anderen Postkarten unterschieden haben und direkt ins Auge des Betrachters fielen.

Außerdem konnte man allgemeinere und humorvolle Motive auch so konzipieren, dass sie an allen Strand-Locations funktionierten – egal ob auf den Kanaren, den Balearen oder dem Festland, sogar landesübergreifend in Frankreich oder in Italien. Der folgende Werbespruch für meine sexy Karten auf Mallorca war jahrzehntelang der Verkaufshit: „In Deutschland längst verboten – hier noch erlaubt!“ Stimmte zwar nicht, war aber eine super Verkaufshilfe.

Ekkeheart Gurlitt als "FKK-Ikone"
Ekkeheart Gurlitt als „FKK-Ikone“ mit „Chris-Rea-Schirm“

Wir müssen noch über eine schräg-kuriose Kult-Postkarte für die Düsseldorf-Formentera-Fraktion reden: Eine Bäuerin, die in traditioneller Formentera-Tracht über einen Feldweg spaziert, dahinter das türkisblaue Mittelmeer, und das alles vor einem Düsseldorf-Panorama mit Altstadt und Rheinufer und dem Schriftzug: „Grüße aus Düsseldorf-Süd“.

Ekkeheart Gurlitt: Die Motivation für so ein Motiv lag nahe, denn schließlich haben die Düsseldorfer Formentera bekannt gemacht, und da brauchten sie auch eine passende Postkarte, die man so schnell nicht vergisst. Fotos vom Rheinufer, der Altstadt und von Formentera hatte ich ohnehin genug in meinem Archiv. Da es aber, als ich die Fotomontage kreierte, noch kein „Photoshop“ gab, habe ich das alles selbst per Hand für die Druckvorlage zusammengeschnipselt. Sogar der Bürgermeister von Formentera hat diese Postkarte mal in einer WDR-Reportage im Fernsehen in der Hand gehalten, als die Rede davon war, dass die Düsseldorfer den Tourismus auf Formentera geprägt haben. So ist sie zu einem originellen Symbol für die Verbindung der beiden Orte geworden, und das Motiv war nicht ohne Grund über 20 Jahre lang das zweitmeistverkaufte meiner Kollektion – gleich nach der Karte: „Echtes Leder“. Insider wissen, wovon ich spreche … (lacht).

Es gab auch eine sozialkritische Formentera-Ansichtskarte von Dir: Man sieht ein schönes Strand-Restaurant, und im Vordergrund ist der Vorplatz bis zu den Dünen komplett mit Mopeds zugeparkt. Darüber steht auf Deutsch: „Alle wollen zurück zur Natur – nur niemand zu Fuß…!“

Ekkeheart Gurlitt: Ja, das war meine Art von Humor und Kritik an den beginnenden Auswüchsen des Tourismus auf der Insel. Tourismus ist ja per se nichts Schlechtes und ich selbst habe damit gut Geld verdient. Ich habe jedoch immer schon die Extreme kritisiert und dazu bereits 1977 im linken Magazin Konkret einen Artikel geschrieben: „Formentera im Würgegriff der Touristikindustrie“. Nach und nach wurden nämlich die fahrradfahrenden Touristen von den Mopedfahrern abgelöst. Und zum Teil sind die hauptsächlich männlichen Leute, die doch besser auf Ibiza geblieben wären, sogar mit den Mopeds, geistesgestört und mit wildem Gebrüll von Glückseligkeit durch die ökologisch empfindlichen Dünen gerast. Das Motiv der betreffenden Postkarte brachte das aufkommende Übel daher pointiert auf den Punkt.

Mopeds verdrängten Mitte der 1980er die Fahrräder.

Das Publikum änderte sich also im Laufe der 80er Jahre?

Ekkeheart Gurlitt: Ja, ungemein und absolut zum Negativen. Da gab es auf einmal Leute, die sich mit ihrem Ghettoblaster an den Strand hockten und die gesamte Umgebung mit ihrer Punk-Musik beschallten. Gerade in der Hauptsaison nahm der Trubel extrem zu, und durch die später neu hinzukommenden und eher schickeren Touristen, meist aus Norditalien oder Rom, wurde Formentera kommerzieller und sündhaft teurer. Dadurch ist sehr viel vom ursprünglichen Charme der frühen Jahre, als ich noch ständig in den Sommermonaten auf der Insel lebte, kaputt gegangen.

Die Italiener, damals alle im kollektiven „Swatch-Uhren-Sammel-Rausch“ und wirklich jeder mit cooler, entspiegelter Sonnenbrille auf der Nase, mieteten sich nur in den seltensten Fällen ein inseltypisches Fahrrad, sondern düsten in der Regel mit Miet-Vespas durch die Gegend – mit stocksteifen, aber obercoolen Mädels im Schlepptau, die den Spirit von Formentera wohl damals weder erkannt noch erlebt haben. Manche stolzierten dann sogar auf Pumps in den Strandkiosk Big Sur, damals der Italiener-Treffpunkt. Fast schien es, als ob die Italiener zu dieser Zeit eine innere Uhr eingebaut hatten. Pünktlich um elf trafen sich ihre Cliquen an eben diesem Kiosk, und genau um Punkt vier verschwanden sie wieder in alle Richtungen. Am Abend kamen dann viele an der Waffelbude in Es Pujols zusammen, ehe sie dann wieder, wie auf Kommando, im Club Mar-y-Land oder im Hotel Formentera Playa verschwanden …

1984 hast du Formentera den Rücken gekehrt, nach elf Jahren als Resident.

Ekkeheart Gurlitt: Das war, als leider immer mehr harte Drogen auf die Insel kamen. Klar haben wir als Hippies öfter mal „Dope“ geraucht oder ein Shillum kreisen lassen, aber das war ja vergleichsweise vollkommen harmlos. Erst mit dem Heroin schwappten die ersten größeren Drogenprobleme und die mitverantwortliche Beschaffungskriminalität auf die Insel. Da hast du abends auf der Mauer hinter der Fonda Pepe immer wieder gehört, bei wem gerade wieder eingebrochen worden war. Man sah gerade im Fonda-Umfeld junge Leute aus Frankreich oder den USA, die sich hinter dem Haus ihre Spritzen gesetzt haben. Damit war für mich der Zeitpunkt gekommen, die Zelte auf der Insel allmählich abzubrechen.

Formentera von oben by Ekkeheart Gurlitt

Du hast zunächst die Insel gewechselt und bist nach Mallorca gezogen.

Ekkeheart Gurlitt: Mit der ersten großen Liebe meines Lebens, Karoline aus Frankfurt, habe ich zwei Jahre in El Toro gelebt, einem winzigen Ort westlich von Palma, zwischen Magaluf und Santa Ponsa. Das war nicht nur eine traumhaft ruhige und schöne Ecke „am Fuß der blauen Berge“, wie wir es nannten, sondern auch praktisch von der Lage her, weil ich von dort mitten im lukrativsten Verkaufsgebiet meiner Postkarten wohnte und es jede Menge Parkplätze vor dem Haus gab, was in Palma oder am Ballermann schon damals unmöglich war. Außerdem gab es einen Ultraleicht-Fliegerhorst gleich in der Nähe, von dem aus ich damals viel und gerne geflogen bin.

Es gab weiterhin ein enges Verhältnis zu Düsseldorf …

Ekkeheart Gurlitt: Ich habe dort regelmäßig als freier Werbefotograf gearbeitet. Einer meiner Hauptkunden waren Gramm & Grey an der Düsseldorfer Corneliusstraße. Das waren die Vorläufer der heutigen Grey Group. Ich weiß immer noch die Hausnummer auswendig, nämlich 18 bis 24. Und ich weiß auch noch genau, wie dreist ich da anfangs aufgetreten bin, um bei den Werbeleitern Eindruck zu schinden: Es war tiefer Winter, und ich hatte mir extra einen schicken Anzug von René Lezard gekauft für solche Auftritte, der aber jeden Pfennig wert war und die Kosten schon im gleichen Jahr wieder eingespielt hat. Das Jackett habe ich offen und ohne Hemd darunter getragen, also mit nackter, immer noch sonnengegerbter Brust – und das im herbstkalten November. Das war aber noch lange nicht das Auffälligste an mir an so einem Tag: Ich war nämlich dazu auch noch barfuß unterwegs, und über meinem dunklen Brusthaarwuchs, also dem „Naturpullover“, trug ich eine grell bunte Gianni-Versace-Krawatte. In diesem Outfit stieg ich dann aus meinem relativ neu gekauften Jaguar, den ich im Carport des Agenturchefs im Hinterhof der Agentur geparkt hatte. Diesen klar erkennbaren Platz, der ein wenig mit Holz ausgeschalt und stets exklusiv reserviert war, hatte ich mir jedoch gezielt ausgesucht. Denn mein bewusstes Fehlverhalten fiel natürlich sofort der Dame an der Rezeption auf und die meldete prompt dem Hausmeister: „Der verrückte Fotograf aus Ibiza ist wieder da!“

Für meine Briefings mit den Grafikern in der echt coolen Agentur mit einem 40-Millionen-Mark Werbeetat allein für HB und KIM der damaligen BAT (British American Tobacco), habe ich mir immer extra einen Termin um Punkt 10 Uhr geben lassen. Ich wusste nämlich, dass der große Chef meist erst gegen halb elf in die Agentur kam und dass der Hausmeister akribisch darauf achtete, dass dann auf dem Chef-Parkplatz keine fremden Autos standen. Ich konnte also fest damit rechnen, dass der Hausmeister nach spätestens zwanzig Minuten in das Meeting der Creative-Chefs platzen würde – mit dem gewünschten „Showdown“: „Wer, verdammt noch mal, hat schon wieder seinen blöden Jaguar auf dem Platz vom Chef geparkt?“

War der Dicke-Hose-Auftritt erfolgreich?

Ekkeheart Gurlitt: Spätestens durch diese kleinen Tricks und Verrücktheiten und mit den Aufnahmen meiner Bewerbungsmappe, die ich mir in den ersten Jahren meiner Karriere als Werbefotograf von einem befreundeten Playboy-Fotografen ausgeliehen hatte, wurden die Agenten der Werbeabteilung mit mir relativ schnell handelseinig. Trotz meines absolut überhöhten Preisangebots fingen sie gar nicht erst an, groß zu feilschen. Ich durfte mir in der Rechnungsabteilung sofort die erste 5000-Mark-Anzahlung und 50 Ektachrome-Filme abholen. Nicht nur hier hat die Uraltregel der Menschheit funktioniert: „Kleider machen Leute!“

Niemand wusste das damals, in den goldenen 80ern, besser als die Damen und Herren in den angesagten Werbeagenturen, und nichts kam in diesen Kreisen besser an als ein richtiger „Freak“ zu sein, mit coolem Outfit und cooler Karre. Das war dann schon die halbe Miete. Meine geliehene Mustermappe hat nach meinen Auftritten eh keinen mehr wirklich interessiert, wurde meist nur schnell überflogen und mir zugeklappt zurückgegeben, mit den lapidaren Worten: „Herr Gurlitt, Sie haben den Job!“

Im Anschluss habe ich rund 15 Jahre für Gramm & Grey, später nur noch für Grey gearbeitet, hauptsächlich für deren Kunden HB international in Hamburg. HB war damals eine der weltweit erfolgreichsten Zigarettenmarken, und ich war unter anderem verantwortlich für die Grafik und die Fotografien des jährlich erscheinenden „HB-Girls“-Werbekalenders, von dem weltweit eine Million Exemplare gedruckt und verteilt wurden. Es war damals der größte und auflagenstärkste Pin-Up-Kalender der Welt. Natürlich hätte ich die Girls auch zu gerne im distinguierten Stil eines „Pirelli“-Kalenders fotografiert, aber den Verantwortlichen in der „HB“-Zentrale in Hamburg war es wichtig, das einfache und „hübsche Mädchen von nebenan“ zu präsentieren. Weltweit alle Kioske, die HB verkauften, konnten somit den Kalender an ihre treuen Kunden verschenken …

Wie ist Dein Verhältnis zu Formentera heute?

Ekkeheart Gurlitt: Ich war ja rund 35 Jahre sehr eng mit der Insel verbunden, mein halbes Leben. Doch die nachhaltige Liebe zu diesem einzigartigen Ort spüre ich heute leider nicht mehr. Klar, ich besuche Formentera immer noch hin und wieder, zuletzt vor drei Jahren. Und da ich immer noch einige Residenten dort kenne, brauche ich kein Hotel zu buchen, komme bei alten Freunden unter. Neue Formentera-Postkarten bringe ich aber auch schon lange nicht mehr raus. Wobei es aber durchaus sogar sein kann, dass noch einige Geschäfte in Es Pujols meine alten Karten im Programm führen.

Du lebst inzwischen in Barcelona und in Stralsund.

Ekkeheart Gurlitt: Mein 60-Quadratmeter-Apartment in Barcelona habe ich schon seit den Neunziger Jahren. Den Sommer verbringe ich seit 1990 an meiner inzwischen heißgeliebten Ostseeküste. In die Insel Hiddensee haben ich mich gleich von Anfang an schockverliebt, genau wie damals bei Formentera. Das gleiche Feeling einer unberührten Insel, noch halb im Dornröschenschlaf.  Liebe auf den ersten Blick. Die gesamte Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern, die Inseln Rügen, Usedom, Hiddensee, außerdem das Hinterland von Rostock, Stralsund oder Waren an der Müritz – wenn das Wetter stimmt, gehören diese Gegenden mit zu den Allerschönsten, die ich jemals bereist habe.

Eine Rügen-Postkarte von Ekkeheart Gurlitt

Machst du Zukunftspläne?

Ekkeheart Gurlitt: Mein Plan war es ja immer, keinen Plan zu haben, was mir im Privatleben meist gelungen ist. Und ich wollte schon immer möglichst dort wohnen, wo andere Leute Urlaub machen – mit meinem geliebten Meer vor der Tür, dieser herrlich frischen Seeluft und mit frischem Fisch gleich von nebenan. In diesem Sinne: Ich werde bald 73 und mache immer noch täglich neue Fotos, verkaufe immer noch jede Menge meiner Postkarten. Ich werde das so lange machen, bis ich umfalle – und dann noch zwei Jahre …

Barcelona by Ekkeheart Gurlitt

 

Der Interviewer hat die Insel Formentera übrigens seit seit seinem zweiten Lebensjahr (1973) bis Mitte der 1980er regelmäßig und dann immer mal wieder bereist und sowohl hier im Blog, als auch in der Westdeutschen Zeitung bereits über seine kindliche Faszination für  Formentera-Fernblicke auf die Kulisse Ibizas berichtet. In den Formentera-Urlauben haben er und seine Familie im Laufe der Jahre vermutlich mehr als hundert Gurlitt-Postkarten verschickt. Fun Fact: Mitte der 1990er Jahre lebten der Interviewer und der Interviewte für und ein Jahr nur 600 Meter Luftlinie voneinander entfernt im Viertel Eixample von Barcelona und besuchten sogar das gleiche Fitnessstudio – allerdings ohne sich kennen zu lernen … 

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