Zehn Quadratmeter Barcelona

in Spanien

Man klingelt nicht bei seiner eigenen Vergangenheit. Aber man kann drüber schreiben: Im Sommer 2025 stand ich vor meiner alten WG im Eixample von Barcelona und habe spontan ein Mini-Memoir rausgehauen. Mit Fotos aus einer Zeit, in der man noch Dosen-Ravioli kaufte und kein Airbnb kannte. Und weil der Social-Media-Feed kein Ort ist, an dem man „Herzenstexte“ sterben lassen sollte, kommt jetzt hier im Blog die „Extended Version“.

Ich würde es gerne mal wiedersehen – „mein“ WG-Zimmer in Barcelona. Carrer Sepúlveda 121, sobreático, derecha. Ein Sechziger-Jahre-Haus im Eixample, sechs Blöcke westlich der Uni. Vor mir die Glasfront des Haupteingangs, daneben ein Friseursalon. Ich könnte klingeln. Tue es nicht. Man klingelt nicht bei seiner eigenen Vergangenheit.

Von August 1995 bis Juni 1996. Zehn Quadratmeter drinnen, Dachterrasse draußen – mehr als doppelt so groß, Terrakottafliesen, kein Blumentopf, kein Anspruch. Nur Himmel und gelegentlich Sonne. Sobreático: über dem Dachgeschoss. Was für eine präzise Beschreibung des Gefühls, mit 24 in einer fremden Stadt zu wohnen. Heute wohnt dort womöglich ein digitaler Nomade aus Kanada, der für 1200 Euro im Monat „authentisches Barcelonafeeling“ gebucht hat. Er hält die Terrasse für durchaus „Instagramable“ und gibt auf Airbnb vier Sterne, weil sie „a bit rough“ war.

Im Nachbarhaus kaufe ich Wasser. Früher die katalanische Supermarktkette Bonpreu, heute die iberische Version von Aldi. Umgeflaggt. Die Frau an der Kasse kommt mir bekannt vor. Als hätte sie die letzten dreißig Jahre auf mich gewartet. Eine Projektion, klar. Aber das Gehirn sucht Kontinuität, wo keine ist – weil die Alternative schwer zu ertragen ist: dass alles einfach so weitergegangen ist. Dass ein Ort für einen selbst bedeutsam ist, aber man selbst unbedeutsam für den Ort. 1995 kaufte ich hier Dosen-Ravioli. Später versuchte ich zu kochen. Beides ist vorbei.

Die Abschiedsparty auf der Terrasse existiert noch als Foto. Das Licht war schlecht, die Stimmung gut.

Ich gehe weiter, Richtung Süden. Durch ein Viertel, das sich poliert und teurer gemacht hat, wie alle Viertel, die irgendjemand irgendwann einmal geliebt hat. Vorbei am Mercat Sant Antoni. Und dann, Carrer Comte Borrell 21: das Aiguajoc. Noch da. Für die Anmeldung brauchte man damals ein spanisches Konto – nicht für die Miete, nicht für die Uni, sondern nur damit dieses Fitnessstudio den Monatsbeitrag abbuchen konnte. In der Nähe gab es eine Filiale der Deutschen Bank. Die Angestellten sagten „De-utsche Bank“ – als wäre es in ihrer Sprache ein ganz normales Wort.

Das Gym hat überlebt. Bonpreu nicht. Die Terrakottafliesen vermutlich schon. Vielleicht sagt das nichts. Vielleicht doch alles.

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