Sofia auf dem Sand: (k)eine Fußballgeschichte

in Köln/Kurzgeschichten

Diese kurze Erzählung entstand anlässlich eines Schreibwettbewerbs der taz unter dem Motto „Strandgeschichten“. Sie kam unter die besten 20, landete in der dazugehörigen Anthologie, erschien später auch noch im Online-Portal Titel-Kulturmagazin und war 2007/2008 Namensgeber eines Podcasts.

Als ich Sofía zum ersten Mal gesehen habe, waren wir Gegner. Ich verteidigte, sie stürmte. Als ob es gestern gewesen wäre: Freistoß aus kurzer Entfernung. Ihr Blick trifft meinen. Sie klemmt sich ihre schulterlangen Haare hinter die Ohren, zieht die linke Braue leicht hoch und lächelt. Zwei endlose Sekunden. Dann schießt sie. Ich hechte in die Ecke meines Tores, errichtet aus zwei mit Steinchen gefüllten Fanta-Dosen. Gerade noch erwische ich den Ball mit den Fingerspitzen. Gehalten. Feiner Sand dringt in meinen Mund. Ich spucke aus. Sofía klopft mir auf die Schultern. „Toni Schumaaakerr“, sagt sie anerkennend und knipst ein Auge zu. Mein Bauch kribbelt, mein Herz klopft. Ich lächele. Dann zerbeiße ich einige Sandkörner zwischen den Zähnen und werfe den Ball ab. In meinen Handflächen sammelt sich Schweiß. Das Spiel geht weiter.

Fortan treffe ich Sofía jeden Tag. Während alltagsgestresste Eltern aus Oberhausen, Duisburg oder Essen den Spanienurlaub Bildzeitungslesend an der Strandbude verbringen, spielen wir Fußball auf Sand. “Ruhr-Süd 81“ gegen ”Real madrid“. „Ruhr Süd“, weil sich ein gutes Dutzend pubertierender Ruhrgebiets-Jungs unmöglich auf einen real existierenden Klub einigen kann. „Real Madrid“, weil unsere spanischen Mitspieler wirklich alle aus Madrid kommen. Samstags hören wir über Kurzwelle die aktuellen Spielberichte aus der Bundesliga.

Ich erkläre Sofía, dass nicht Nationaltorwart Toni Schumacher, sondern Norbert Nigbur mein Vorbild ist. Weil Toni Schumacher für den 1. FC Köln spielt und Norbert Nigbur für den FC Schalke 04, meinen Lieblingsverein. Sofía wiederum schafft es, mir begreiflich zu machen, dass ihr Cousin Miguel in Deutschland lebt und Toni Schumachers Bundesligaspiele oft vor Ort im Stadion verfolgt. „Miguel lives at Kolln-Muulcheejm“, sagt Sofía. Als sie merkt, dass ich sie nicht verstehe, wiederholt sie: „Kolln-Muulcheejm!“ Immer noch steht ein Fragezeichen auf meiner Stirn. „Toni Schumaaakerr plays Kolln-Muulcheejm!“, bekräftigt Sofía – und endlich fällt die aus unterschiedlich ausgesprochenen Schulenglisch-Brocken errichtete Barriere. Ich versuche Sofía mitzuteilen, dass ich aus einer Stadt komme, die fast genauso heißt: Mülheim an der Ruhr. Gar nicht weit weg von Köln-Mülheim.
Diesmal ist es Sofía, die nicht versteht. Ich arbeite mit Händen und Füßen, doch der gemeinsame Wortschatz unserer Deutsch-Englisch-Spanisch-Zeichensprache erreicht endgültig die natürlichen Grenzen. Sofia beeindruckt das nicht im Geringsten. Seelenruhig zeigt sie mit dem Finger auf mich, legt die Stirn in Falten und sagt bestimmend: „Hombre! You play like Toni Schumaakerr from Kolln-Muulcheejm! Basta!“ Dabei klopft sie mir auf die Schultern und fixiert mich mit ihren grünen Katzenaugen. Ihr Blick spricht eine klare Sprache: Diskussion beendet. Ich gebe auf. Schließlich ist es für einen Dreizehnjährigen keine Schande, mit einem Torwart verglichen zu werden, der es schafft, den Ball vom Sechszehn-Meter-Raum fast bis zur Mittellinie abzuwerfen. Direkt in die Tiefe des Raumes. Auch wenn ich nicht glaube, dass er in Köln-Mülheim wohnt.

In den kommenden Wochen verändern sich die Aufstellungen von „Ruhr-Süd 81“ und „Real Madrid“ fast täglich. Neue Spieler kommen und gehen, Sofia ist und bleibt das einzige Mädchen – und unsere Anführerin. Alle verehren und respektieren sie. Wir Ruhrpottler geben ihr den Spitznamen „Sofía auf dem Sand“, weil das irgendwie edel und adelig klingt. Die Madrilenen nennen sie „Sofía de la Arena“, weil Sand auf Spanisch „arena“ bedeutet. Gibt es Ärger, schlichtet und vermittelt sie. Zum Beispiel, als sich der Strandbudenbesitzer über den Lärm und die Querschläger beschwert, die ein ums andere Mal die Tische seiner Gäste abdecken. Sofía verhandelt, und wir verlegen unser Spielfeld um ein paar Meter. Dafür erhalten wir pro Team jeden Tag eine Fünf-Liter-Flasche eiskaltes Wasser. Manchmal passiert es, dass ein Ruhrpottler bei „Real Madrid“ mitspielt, oder ein Madrilene bei „Ruhr-Süd 81“. Weil wir zu viele oder zu wenige sind, um zwei gleichstarke Mannschaften zu bilden. Bei diesen Gelegenheiten spiele ich mit Sofía in einem Team. Immer wenn ich einen schwierigen Ball pariere, umarmt sie mich und tönt mit heiserer Stimme, so dass es jeder hört: „Toni Schumaaakerr!“

Ich habe Sofía bewundert. Für ihren Stolz, ihre Schönheit – und weil sie mit ihren langen Beinen im Sand Haken schlagen konnte wie ein Kaninchen auf der Flucht. Am drittletzten Urlaubstag hat sie mir angeboten, eine Zigarette mit ihr zu rauchen. Meine erste Zigarette. Am vorletzten Tag haben wir uns geküsst. Mein erster Kuss. Und als ich wieder zu Hause war, habe ich tagelang geheult. Im echten Leben habe ich Sofía nie wieder gesehen, auf der Leinwand meiner Erinnerung erscheint sie fast täglich.

Ich öffne die Augen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren vergrabe ich meine Zehen wieder zwischen den Sandkörnern unseres Spielfelds von damals. Die Strandbude ist zu einem modernen Restaurant mutiert. Dort, wo früher nur Dünen den Strand begrenzten, spazieren die Leute über eine Stein-Promenade. Die Kinder spielen nicht Fußball sondern Beachvolleyball. Und die Eltern finden am Kiosk nicht nur die Bild, sondern auch WAZ, NRZ und Westfalenpost. Ich setze mich auf den Felsen, von dem aus ich und Sofia an den letzten drei Urlaubstagen in die untergehende Sonne geschaut haben. Seit einer Woche bin ich hier – und habe mich nicht überwinden können, es zu tun. Nun ist es soweit: Zehn  Schritte Richtung Strandbude – jeder in etwa so lang wie der eines Dreizehnjährigen. Dann noch einmal zehn, diesmal nach rechts Richtung Strandmitte. Vor mir überall Handtücher, Sonnenschirme und Liegen. Schritt sechs führt genau über ein junges Pärchen. Befremdete Blicke. Schritt sieben, Schritt acht, Schritt neun. Stopp! Vor dem letzten Schritt verharren meine Füße im Sand, ich würde auf dem mächtig behaartem Bauch eines spanischen Urlaubers landen, der schwerfällig wie eine Schildkröte neben seiner Frau in der Sonne döst. Ich bitte ihn mit Händen und Füßen, seine Liege um einen Meter zu verschieben. „Porqué?“, fragt er immer wieder – und tut mir schließlich kopfschüttelnd den Gefallen. Ich fange an zu buddeln. Zunächst mit bloßen Händen, später mit einer geliehenen Schaufel. Die meisten Gäste des Strandes beobachten mich bei meiner Arbeit. Ich hätte nachts kommen sollen. Zu spät. In zwei Stunden fliege ich zurück nach Hause. Weiter. In einem halben Meter Tiefe stoße ich auf etwas, das hohl klingt. Eine verrostete Getränke-Dose. Wahrscheinlich einer unser Pfosten von damals. Ich beschließe das Loch zu vergrößern. Ich grabe und grabe, schon nach ein paar Minuten klebt mein T-Shirt am Körper, als hätte ich angezogen gebadet.

Endlich, in etwas mehr als einem Meter Tiefe, stoße ich auf einen Ziegelstein. Ich renne zum Wasser, um ihn abzuwaschen – und ich finde, was ich suche. Eine mit Messer eingeritzte Zeile. Ein wenig verblichen aber lesbar: „Sofía“ steht dort, daneben mein Name und ein Datum. 25 de Agosto de 1981. In meiner letzten Urlaubsnacht haben wir den Stein von einer nahe gelegenen Mauer geklaut, ihn gemeinsam beschriftet und in der Mitte des Strandes im Sand vergraben. Jedes Jahr im Sommer wollten wir ihn hervorholen, mit aktuellem Datum versehen und wieder vergraben. „Wenn einer von uns mal keine Zeit hat, setzt er eben für ein Jahr aus“, hat Sofía damals gesagt. „Und wenn das zehn Jahre lang klappt, heiraten wir.“

Ich schrecke auf. „Sofía“, ruft der spanische Urlauber, der eben seine Liege für mich verschoben hat. Jetzt trägt er ein XL-Trikot von Real Madrid und winkt einem Mädchen zu, das gerade aus dem Wasser kommt. Offensichtlich seine Tochter. Nicht älter als dreizehn, zehn Jahre jünger als ich. Sie sieht nicht so aus, als ob sie jemals etwas von Toni Schumacher gehört hat. Geschweige denn von Köln-Mülheim oder von Mülheim an der Ruhr. Ich hole aus und versenke den Ziegelstein in hohem Bogen im Meer. Wie Toni Schumacher bei seinen legendären Abwürfen. Dann gehe ich zum Taxistand …

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