(#13) Mit Brötchen, ohne Data Becker

in Düsseldorf

Wie das Wort „Spaziergang“ durch Pegida seine Unschuld verloren hat / Wie ein Schuttfeld Erinnerungen an den Commodore 64 auslöst / Und warum Du eben genau das erreichen wirst, woran keiner glaubt.

Aachener / Ecke Karolinger: Mein bester Freund P. sieht mich schon von weitem und winkt. „Ej, du Wandervogel“, ruft er – in Anspielung auf unsere letzte Düssel-Flaneur-Etappe. Diese liegt nun schon rund vier Monate zurück, aber wer meint, wir hätten unser Ziel, die Düssel-Quelle im Bergischen Land, aus den Augen verloren, der irrt sich. Diesmal lag die Zwangspause nicht an mir, sondern an P.: Er wird in seinem neuem Job in der Probezeit so eingespannt, dass er froh ist, wenn er seine Kinder vor dem Schlafengehen zu Gesicht bekommt. Hätte er all seine Überstunden ins An-der-Düssel-entlang-Flanieren investiert, hätten wir die Quelle schon zwei Mal erreicht.

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Egal, jetzt geht es endlich weiter. Guthaben: Eine gute Stunde Mittagspause, in der wir offiziell irgendwo lunchen und tatsächlich spazieren gehen.

„Das Wort Spaziergang hat irgendwie seinen schönen Klang verloren, seit die Pegida-Spinner es für ihre Drecksdemos benutzen“, sage ich und beiße in mein Salamibrötchen.

„Fotzen!“, sagt P., der „Fotze“ seit gefühlten 20 Jahren konsequent nur gegen Männer oder gegen Gruppen verwendet, die er verachtet. Keine Ahnung, wie man das nennen soll … Vielleicht Schimpfwort-Gleichberechtigung? Aber müsste P. dann nicht die Frauen, die er verachtet, als Wichser bezeichnen? Oder als Wichserinnen?

„Ach, das sind doch bloß ein paar Verlierer, die Angst vor der Zukunft haben und versuchen, nach unten zu treten“, unterbricht mein kochschinkenbrötchenkauender und Pegida-verachtender Freund P. den Gedankenfluss. „Das Studium an der YouTube-Universität führt nun mal zu Haltungsschäden. Und wenn man im Nebenfach Vorlesungen von Udo Ulfkotze belegt, wird es noch schlimmer.“ Während uns die Sonne ins Gesicht scheint und wir an einem ans Düssel-Geländer geketteten Fahhrad vorbeigehen, imitiert er ein Humpeln und zieht das rechte Bein nach. „Bei solchen Behinderungen kann auch Geert Wilders nicht helfen!“

Bei Terbuyken an der Aachener haben wir uns jeder ein belegtes Brötchen gekauft, mehr ist mittagessentechnisch nicht drin.

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Oder, wie es mein bester Freund P. mit Hilfe einer (erneuten) Homage an die Düsseldorfer Popkultur, ausdrückt:

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.“

„Also, bis wohin schaffen wir es heute?“, fragt P., und seine Stimme klingt so, als wolle er eigentlich gar nichts fragen, sondern bestimmen: Alter, heute müssen wir Kilometer fressen!

Tatsächlich haben wir uns vorgenommen, ein wenig schneller zu werden. Weniger labern, mehr flanieren. Von der Ecke Aachener laufen wir die Karolinger weiter flussaufwärts, überqueren die Merowinger, passieren das Schlachtfeld, auf dem früher Auto Becker und Data Becker untergebracht waren – ein Autohaus, das fortschrittlich sein wollte und nebenan eine Computer-Abteilung samt Buchverlag eröffnet hatte. Vermutlich einmalig in Deutschland, aber Inzwischen: Abgewickelt, geschlossen, abgerissen. Keine Autos, keine PC´s, nur ein riesiges, flaches Schuttareal. Über dem Schutt schweben die Erinnerungen: P. und ich haben bei Data Becker als 14- oder 15jährige stundenlang rumgehangen und Basic-Programme aus Computerzeitschriften abgetippt. Irgendwann Mitte der 80er.

“Habe letztens mit dem Smartphone ein schönes Sonnenaufgangsfoto von dem Schuttfeld gemacht”, sagt P.

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„Wahrscheinlich wurden wir Kids damals nur im Laden geduldet, weil uns unsere Eltern dort den Commodore VC20 gekauft haben“, vermute ich.

„Oder war es der Commodore 64?“, entgegnet P.

Darauf ich: „Oder der Amiga 500?“

Darauf P.:„Vielleich aber auch der Atari ST.“

„Ich hasse es, wenn die Erinnerungen so verschwimmen“, sage ich. „Wenn du nur noch ungefähr weißt, was du damals gemacht hast.“

„Was soll das Blabla, war doch eine tolle Zeit“, sagt P und grinst sein ironisch-zynisch-sarkastisches P.-Grinsen. Er macht eine Pause, dann schießt ein Wort aus seinem Mund: „Fort Apocalypse!“

Decathlon!“, schieße ich zurück.

P.: „Summer Games!

Ich: „Castle Wolfenstein!“

P.: „Pirates!

Ich stocke. „Mir fällt nichts mehr ein.”

P. hat die Aufzählung der PC-Games, die unsere “Generation Golf”-Jugend bestimmten, längst abgehakt. Sein Arm schwenkt wieder Richtung Schuttfeld, das die gemächlich daher fließende Düssel über einen kompletten Häuserblock begleitet und sich früher oder später in einen Wohnblock für Gut-bis-Besserverdienende verwandeln wird. „Früher war hier doch dieser Spruch zu lesen, oder?“

„Du wirst eben genau das erreichen, woran keiner glaubt! Haben wir doch auch auf unserem Profilfoto bei Tumblr.”

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„Genau! Ich glaube, man kann beim Spruch-Erfinder Abzüge eines Fotos davon kaufen, gleich hier um die Ecke, an der Brunnenstraße.

Ich nicke Richtung Düssel. P. versteht die Geste: Keine Zeit für weitere Abschweifungen. Doch eine hat er noch auf Lager: Er zeigt auf eine frisch gestrichene Hauswand an der anderen Seite des Schuttfeldes. „Wer wohl den Smily auf die nackte Hauswand da oben gemalt hat?“ Dabei lässt er seine Stimme so klingen, als sei er selbst der Urheber gewesen.

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Zwischenfazit: Mein bester Freund P. ist und bleibt ein extrem eitler/arroganter Vogel. Manchmal bin ich auf seine Lebensphilosophie ein wenig neidisch: Wer sich nie wie ein eitles und/oder arrogantes Arschloch verhält, wird oft Probleme mit eitlen und/oder arroganten Arschlöchern haben.

Fortsetzung folgt …

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