(#21) Autobahnquerung

in Düsseldorf

Warum mein bester Freund P. und ich keine Fiktion sind / Wie die Düssel die A46 unterfließt / Und wie eine Treppe auf Fische wartet.

Ich weiß gar nicht, warum Wersten bei vielen Düsseldorfern so einen mittelmäßigen Ruf hat“, sagt mein bester Freund P., als wir die  verkehrsberuhigte Nixenstraße entlang spazieren. Und tatsächlich ist zumindest dieser Teil des Viertels ziemlich nett. Rechts von uns fließt die Düssel in einer Senke, entlang einer Allee alter Bäume. Links von uns, auf der Nixenstraße reihen sich hauptsächlich Ein-bis-zwei-Familien-Altbauten aneinander, die – Achtung, Amateur-Diagnose – aus den 1920er oder frühen 1930er Jahren zu stammen scheinen.

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Auf der anderen Düssel-Seite hat auf einer Grünfläche ein älteres Paar einen Tisch, einen Sonnenschirm und ein paar Stühle aufgestellt: Kaffee oder Bier mit Blick auf den Fluss, der unserer Stadt ihren Namen gab. Wer den nicht vom Garten aus hat, so wie 99,99 Prozent aller Düsseldorfer, der besetzt eben den öffentlichen Raum. Vielleicht spielen Herr und Frau Düsselblick jetzt Rommé oder Canasta. Düssel-Stammtisch. Schöne Sache, das!

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Als wir ein etwas altertümlich wirkendes Wehr passieren, das vermutlich dazu dient(e), bei Hochwasser regulierend einzugreifen, spricht mich P. auf den Artikel „Eine Liebeserklärung an die Düssel“ an, der vor einigen Wochen in der Rheinischen Post stand und den P. erst jetzt entdeckt hat, obwohl ich ihn sogar hier im Blog verlinkt habe: „Da behauptet ein Typ, du und ich seien gar nicht existent, sondern sein Alter Ego. Und dann lässt er sich auch noch vor der Düssel ablichten.“

„Was du nicht sagst!“ Ich grinse und ziehe die Augenbraue hoch. „Ich verrate dir ein Geheimnis: Ich kenne den! Das ist ein alter Kumpel von mir, der als Journalist arbeitet, und ich habe ihn als vermeintlichen Düssel-Flaneur nur vorgeschickt, damit die Presse jemanden zum Interviewen hat und wir anonym weiter flanieren können.“

„Echt jetzt?“ P. guckt mich skeptisch an. „Das nimmt dir doch keiner ab! Obwohl …“ Er kratzt sich am Kinn, und dann verwandelt sich „P.-Verunsicherung“ in „P.-Ironie“: „Obwohl es eigentlich gar nicht so schlecht ist, als Fiktion durch die Gegend zu laufen. Dieses Privileg haben nicht viele.“

„Aber seien wir doch mal ehrlich“, beginne ich. „Was wir hier machen, interessiert doch sowieso nur eine kleine Minderheit. Große Egos, kleines Blog. Die könnten eigentlich sogar Fotos von uns beiden auf die Titelseite nehmen – und wir hätten hier trotzdem unsere Ruhe.“

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P. winkt ab. „Schluss jetzt mit dem selbstreferenziellen Scheiß!“ Wir überqueren eine Düsselbrücke mit knallgelbem Geländer und wechseln die Flussseite. Ich gehe die Böschung hinab und mache mit dem Handy ein Foto: Die Düssel in Fließrichtung. Unter der Brücke, auf der ein Kleinwagen geparkt ist, kann man das Wehr sehen, das ich eben erwähnt habe.

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Knapp hundert Meter weiter flussaufwärts nähern wir uns wieder mal einer Düssel-Röhre. An dieser Stelle beginnt die grüne Decke des Autobahntunnels der A46: Ein Stadtteil-Park über der Autobahn. Kurz Google Maps checken: Bisher haben wir die Düssel links vom Autobahntunnel flussaufwärts verfolgt, danach quert sie die Autobahn, taucht rechts vom Tunnel wieder auf und verläuft parallel zur Autobahn. Doch wie kommt sie dahin? Unterirdisch, auch wenn das auf Google Maps in diesem Fall offenbar keinem aufgefallen ist, denn dort ist unser Flüsschen, anders als sonst bei unterirdischem Verlauf, weiter als blauer Streifen zu sehen. Aber was ist mit der Autobahn? Die steht im Weg …

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In mir kommen Erinnerungen an die Zeit hoch, bevor der Werstener Autobahntunnel gebaut wurde, irgendwann Ender der 70er, Anfang der 80er Jahre. Familienausflüge Richtung Wuppertal und Bergisches Land, eine Blechlawine, die sich auf einer vierspurigen Straße mitten durchs Viertel quälte. Einziger Lichtblick: Am Straßenrand standen Bäume. Eine Allee. Sagt mir zumindest meine Kindheitserinnerung. Wo die Düssel damals verlief? Keine Ahnung. Viel wichtiger jetzt: „Wie haben die das geschafft, dass ein Fluss eine Autobahn überquert oder unterquert?“

P., die Google-Nutte, hat längst nach eine Erklärung gesucht und einen Bericht auf Deutschlandradio Kultur gefunden: „Von Zwitschermauern und begrünten Tunneln. Wie Straßenbau und Naturschutz voneinander lernen können.“ In diesem wird der Werstener Tunnel als Musterbeispiel für ökologisch orientierten Straßenbau gepriesen.

P. liest das Zitat eines damals zuständigen Bauingenieurs vor:

Die Düssel, oder besser gesagt ein alter Seitenarm der Düssel verlief nämlich unter der ursprünglichen, auf einer Stahlkonstruktion verlaufenden Straße mitten durch das Baugebiet des geplanten Tunnels. Die Düssel verlief ursprünglich auf der nördlichen Seite. Und diese Düssel war der Baumaßnahme, der Trassierung im Weg, wir mussten selbige auf die südliche Seite verlegen und haben dann aber vor dem Werstener Kreuz die Düssel mit einem Düker wieder in die richtige Richtung gebracht. Und mit der Verlegung der Düssel ging eine Renaturierung einher, Renaturierung heißt eine Mäanderung.

Dann zitiert P. aus dem Artikel:

Die Düssel wurde aus ihrem starren Bett befreit und plätschert nun mit einer Fischtreppe versehen am Rande der Grünanlage auf dem Deckel des Werstener Tunnels. An ihrem Ufer sind inzwischen viele Pflanzen und Insekten heimisch.

„Aha“, mache ich. „Fragt sich nur, was ein Düker ist.“

P. ergänzt: „Düker hin oder her. Mir ist immer noch nicht klar, ob die Düssel nun unter der Autobahn hergeleitet wird, oder darüber hinweg, aber eben immer noch unter der Tunneldecke.“

Wir überqueren die Tunneloberfläche. Ein ganz normaler Park. Wenn man es nicht wüsste, würde man nie annehmen, dass etwas tiefer auf sechs Spuren Dauerverkehr herrscht.

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Ein Stromkasten-Grafitto, auf dem eine Ente und ein zähnefletschender Hund zu sehen sind, weist uns den Weg: Dahinter muss unser Flüsschen liegen.

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„Wow!“, sagt P. beeindruckt. „So breit war sie noch nie, seit wir angefangen haben zu flanieren.” Tatsächlich dürfte die Düssel von hier an etwa sieben oder acht Meter breit sein, also mehr als doppelt so breit wie an dem Abschnitten, an dem wir auf der vorherigen Etappe flaniert sind.

Unter uns donnert das Wasser einen kleinen Wasserfall herunter, dann verschwindet es in der Finsternis. Google Maps verrät: Irgendwo dort ist nicht nur der Düker, die südliche Düssel teilt sich außerdem in zwei Hälften: In den Fluss, dem wir seit seiner Mündung in den Rhein vom Zentrum der Stadt bis hierhin gefolgt sind. Und in den Brückerbach, der am Botanischen Garten vorbeifließt und in Himmelgeist in den Rhein mündet. Doch Google Maps unterschlägt ihn: Erst auf der anderen Seite des Werstener Kreuzes taucht der Brückerbach auf der Karte auf.

„Was ein Düker ist, wissen wir immer noch nicht“, sage ich. Wahrscheinlich eine Art Unterführung. Und offenbar kein Hindernis für Fische, denn sonst befände sich rechts von dem Wasserfall nicht die Fischtreppe, auf der allerdings in diesem Moment kein einziger Fisch zu sehen ist.

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„Keine Zeit mehr, klären wir alles nächstes Mal“, sagt P. mit einem Blick auf seine Armbanduhr. „Bis dahin kannst du gerne recherchieren und dich als Düker-Experte aufspielen …“

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