(#54) Fünfhundertfünfunddreißig Gründe, die A535 zu lieben

in Bergisches Land/Natur/Wuppertal

Wie wir das Elefantenschild übersehen  / Wie spektakulär es unter Autobahnbrücken aussieht / Und wo Hollywood-Stars die Düssel überfahren

Heute verlegen wir das Heimbüro in die Natur. So der Plan. Zwei Flaneure in einem Auto. Anfahrt über eine Straße namens Aprath, die kurz darauf in eine Straße namens Koxhof übergeht. Wir queren die Düssel, die zunächst links der Straße in einem schnurgeraden Bett verläuft und dann durch einen Tunnel die Seite wechselt und zwischen Wiesen und Wäldchen verschwindet.

An der Star-Tankstelle halten wir kurz an, orientieren uns mit Google Maps. Hier beginnt eine kleine Siedlung, circa 50 Häuser. Vermutlich heißt sie so wie die Straße, Koxhof, und gehört offiziell zu Schlupkothen, was wiederum ein Ortsteil der Stadt Wülfrath ist. Radwechsel ab 20 Euro …

Spontane Frage meines besten Freunds P.: „Warum gibt es in Düsseldorf eigentlich keine Straße, die Düsseldorf heißt?“

Der Straßenname weist bereits die Richtung: Wir biegen in den Oberdüsseler Weg ein, erreichen nach rund 100 Metern zunächst die Düssel und dann die Autobahn 535, die hoch über uns auf Betonstelzen durch das Tal wandert. Wir unterqueren sie, nehmen danach die erste Abbiegung links, ein schmales Sträßchen, immer noch als Oberdüsseler Weg firmierend und parken den Wagen vor einem der wenigen Wohnhäuser. Hier ist es ein wenig trist, aber auch ein Bisschen schön.

An der Ecke zur Landstraße schmilzt ein Rest Schnee, und unser Flüsschen ist nicht weit. Bevor wir es erreichen stoppen wir unter der A535, sind erneut Unter-der-Autobahn-Flaneure: Denn auf dem Weg von der Düssel-Mündung in den Rhein bis hierhin haben wir bereits am Werstener Kreuz die A46 und bei Erkrath die A3 unterquert.

„Orte unter Autobahnbrücken sind faszinierend“, findet mein bester Freund P. und macht ein Foto. „Man müsste da mal ein Buch draus machen, alle Autobahnbrücken des Landes besuchen und gucken, was darunter so abgeht.“

Hier, in diesem Moment, geht gar nichts ab, keine Pferdekoppel wie bei der A3. Doch immerhin: Es gibt Street Art. Street Art gehört gewissermaßen zur Unter-Autobahnbrücken-Grundausstattung. Wir fotografieren einen Elefanten, was auch sonst. Schließlich ist der Elefant das Wappentier in dieser Gegend, das lernen schon die kleinen Kinder in der Schule, und sogar die lokalen Sportvereine, Sonnenstudios und Heilpraktikerpraxen haben den Elefanten in ihre Logos eingebaut.

Wir könnten nun dem Pfad folgen, der in der Mitte des Unter-der-Brücke-Geländes verläuft, gekennzeichnet durch zwei weiß-rote Pöller.

„Bestimmt eine Sackgasse“, sage ich.
„Nein, da geht´s weiter“, sagt mein bester Freund P. „Sonst hätten die hier keine Pöller hingesetzt.“

Wir lassen die Antwort offen, spazieren erst mal zur Düssel, die (flussaufwärts gesehen) von nun an laut Karte ein gutes Stückchen parallel zur Autobahn verläuft. Ziemlich schmalbrüstig ist sie, aber munter plätschernd. Maximal anderthalb Meter breit.

Die nächste Diskussion: Am linken Düsselufer beginnt ein kleiner Weg.

„Lass uns da mal lang gehen“, sage ich.
„Warum?“, fragt mein Begleiter und deutet auf eine kleine Laterne und ein Schild, dass die Hausnummer angibt. „Das ist doch privat – und eine Sackgasse.“

P. behält recht, aber immerhin können wir ein paar Düssel-Fotos machen und identifizieren einen namelosen Seitenbach, der unser Flüsschen mit frischem Wasser versorgt.

Den Unter-der-Brücke-Weg ausprobieren oder durch den Ort spazieren? Wir entscheiden uns für die zweite Variante, folgen dem Oberdüsseler Weg bis zur Abbiegung in die Landstraße und halten uns auf Höhe der Tankstelle rechts.

Ein Bisschen Fachwerk, ein Bisschen Schiefer, keine Menschen. Nach hundert Metern geht zwischen zwei Häusern ein Trampelpfad Richtung Düssel ab, der auf Google Maps weitaus größer aussieht als in der Realität. Auf einer Wiese daneben führen zwei Männer Entfernungsmessungen durch.

Wir überqueren die Düssel, gelangen an den Hang der Autobahntrasse (hier ohne Stelzen). Der Weg am Hang wird breiter, verläuft flussaufwärts parallel zum Flussbett, scheint ein offizieller Wanderweg zu sein. Und es gibt auch einen Weg-Knick, der flussabwärts abzweigt.

„Siehst du“, sagt mein bester Freund P. und spielt, mit dem Arm auf den Flussabwärts-Knick zeigend, den Klugscheißer. „Es gibt doch einen durchgehenden Weg auf dieser Düssel-Seite.“

Weiter flussaufwärts. Am anderen Ufer grenzen diverse Grundstücke mit ihren Gärten direkt an unser Flüsschen. Und zwei Mal haben die Garten-Inhaber eine Behelfsbrücke über die Düssel gelegt. In Düsseldorf waren wir noch fasziniert, als wir in Unterbilk die ersten privaten Gärten mit Düssel-Zugang entdeckten, nach mehr als 30 Kilometern haben wir uns daran gewöhnt.

„Was wohl die vom Rhein kommenden Frachtschiffe machen, wenn sie an diese Stelle gelangen“, fragt mein alberner Freund P. in den Wald, und der Wald antwortet nicht, und die Düssel gurgelt, und die Vögel zwitschern leiser als die Autos, nämlich gar nicht.

Dann legen sich Weg und Düssel in eine Rechtskurve, und es kommt wieder die A535 in Sicht. Zwischendurch verlief sie auf einen Damm, der vielleicht künstlich, vielleicht ein echter Hügel ist, nun betonstelzt sie erneut über unseren Köpfen. Ein paar Fotos, auch eines von P.´s Hund Manolo, der laufend Geruchsproben nimmt.

Parallel zum Ufer ist kein Durchkommen. Unzugängliches Gelände. Wir spazieren in knapp fünfzig Meter Entfernung, parallel zum Fluss, unter der Autobahnbrücke. In der Zwischenzeit hat die Düssel mehrere kleine und gar nicht so kleine Bäche aufgenommen, die bei Google Maps erneut namenlos bleiben.  Auch hier fließt ihr ein weiterer zu.

Wir erreichen einen asphaltierten Weg, der unter der Autobahn verläuft und halten uns Richtung Düssel, passieren einen maschendrahtzaunbegrenzten Teich. Und dann stehen wir an einem Fachwerkhaus von 1747, direkt am Ufer erbaut, und trotz Büschen und Gestrüpp erahnt man, dass das Gebäude früher als Mühle diente.

Zeit umzukehren. Weniger ist mehr, so kurz vor der Quelle, dem mehr oder weniger endgültigen Ziel dieses Blogs,

Einige Fotos später befinden wir uns auf dem Teil des Wanderpfades, der uns  zum Anfangspunkt unserer Tour zurückführt, offiziell mit Schild und Logo „gebrandet“ als Neanderlandsteig und Bergischer Weg.

Etappenende unter der Autobahnbrücke. Da, wo wir anfangs den Street-Art-Elefanten fotografierten. Nun entdecken wir auch hier das Neanderlandsteig-Schild am Rande des Brückenpfeilers, nur etwa einen halben Meter vom Elefanten entfernt, das für einen ganz anderen Verlaufe der heutigen Etappe hätte sorgen können. Es ist kaum zu entdecken, verschwindet im rot-gelb-bunten Street-Art-Teppich.

Mein bester Freund P.: „Ach egal, war doch auch so schön.“

Ich: „Schlusswort?“

P.: „Die A535 war mal die kürzeste Autobahn Deutschlands.“

Zwar geht der Dialog noch weiter, aber wir lassen das jetzt mal so stehen, und wer wissen möchte, wie kurz die A535 wirklich war oder auch nicht, der muss bei Wikipedia vorbeischauen.

Plötzlich und irgendwie bekommen wir Mitleid mit der Autobahn über uns: Obwohl sie genauso wie viele Ziffern wie die A1 und die A2 und die A3 zusammen hat, steht sie nie im Mittelpunkt und bekommt deutlicher weniger Stau-Aufmerksamkeit. Ganz klar: Die A535 ist die  SG Wattenscheid 09 unter Deutschlands Autobahnen. Also beschließen wir eine so spektakuläre wie unsinnige A535-Überschrift für diese Blog-Folge zu erfinden.

P.s Vorschlag „Die A535 – kürzeste und schönste Autobahn Deutschlands“ fällt durch.

Genauso ergeht es mir, als ich „Die A535 – Lieblingsautobahn der Hollywood-Promis“ ins Rennen werfe.

Schließlich entscheiden wir uns für einen vergleichsweise schlichten Titel, und als die A535, die ja bekanntlich Gedanken lesen kann, ihn hört, stampft sie vor Freude kurz mit einem ihrer Betonbeine auf. Dabei fällt das kleine Neandersteig-Schild ab, und mein bester Freund P. hebt es auf und klebt es mit Sekundenkleber und großer Geste wieder an den Betonpfeiler.

Dort hängt es immer noch, schrägt links, unter dem Street-Art-Elefanten, geküsst von einer rotgesprühten „1“, und weist Wanderern den Weg. Echt jetzt, kein Märchen. Ihr müsst nur genau hinsehen …

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