Urban-Sketch von Birgit Winter: Die Düssel im Volksgarten Düsseldorf.

„Urban-Sketching als Gegentrend zur Digitalisierung“

in Düsseldorf/Interviews/Natur

Birgit Winter ist Urban-Sketcher: Sie hat ständig ein Skizzenbuch sowie Stifte und Pinsel dabei, um spontan auf vielversprechende Motive reagieren zu können. So sind auch mehrere Skizzen an und um die Düssel entstanden. Im Gespräch erzählt sie, was sie am Urban-Sketching fasziniert und wo sich die Szene in Düsseldorf trifft.

To sketch something – das bedeutet auf Deutsch: Etwas skizzieren. Was es mit der entsprechenden Künstler-Bewegung auf sich hat, bringt der erste Satz des Wikipedia-Eintrags zum Thema auf den Punkt: „Urban Sketcher sind eine weltweite Gemeinschaft von Künstlern, die vor Ort die Städte, Orte und Dörfer zeichnen, in denen sie leben oder zu denen sie reisen. Ihre Zeichnungen stellen eine Art visuellen Journalismus dar, der das Leben so zeigt, wie die Künstler es vor ihren Augen geschehen sehen.“ Auch am Rhein liegt Urban-Sketching im Trend. Birgit Winter (54) ist Teil der lokalen Sketcher-Szene. Die gebürtige Düsseldorferin lebt in Eller. Eines ihrer Lieblingsmotive ist das Flüsschen, dem die Stadt ihren Namen verdankt.

Die Urban-Sketcher-Bewegung (USk) gibt es erst seit 2007/2008. Wie bist du dazu gekommen?

Gern gemalt habe ich schon als Kind, irgendwann habe ich mich dann in Aquarellfarben verliebt und mir den ersten richtigen Aquarellkasten vom eigenen Geld gekauft. In Benrath bei Bernshaus übrigens. Es gibt bestimmt viele Menschen wie mich, die schon vor der offiziellen Urbansketcher-Bewegung mit demSkizzenbuch rumgelaufen sind und gezeichnet und gemalt haben. Beim Malen und Zeichnen ist man üblicherweise allein mit sich und seinem Motiv. Durch die USk-Bewegung gibt es aber jetzt ganz wunderbare Möglichkeiten, sich im echten Leben oder im Internet mit anderen auszutauschen, zu verabreden, gemeinsam zu skizzieren. Und dieser Austausch ist wirklich eine schöne Sache.

Birgit Winter am Düssel-Ufer im Volksgarten
Urban-Sketch von Birgit Winter: Düssel-Brücke im Volksgarten

Wie erklärst du dir, dass diese Kunstform 2018 so im Trend liegt und Düsseldorfer Urban-Sketcher wie Janko Grode (Westdeutsche Zeitung) und Norbert Krümmel (Düsseldorfer Anzeiger) inzwischen sogar eigene Kolumnen haben?

 Skizzieren ist sicher auch ein Gegentrend zur zunehmenden Digitalisierung, eine Art Entschleunigung. Mittlerweile hat fast jeder ein Smartphone, und viele Menschen scheinen ihr gesamtes Leben pausenlos durch unzählige Fotos zu dokumentieren. Doch wie oft werden diese Fotos später angesehen? Natürlich kann man den Düsseldorfer Schlossturm ganz schnell und ganz prima fotografieren, auch mehrfach, falls ein Bild nichts geworden ist. Und dann zieht man weiter zum Radschlägerbrunnen, und in einer Stunde ist man mit der gesamten Altstadt“fertig“. Wenn man jedoch skizziert, sieht man genauer hin. Man entdeckt Dinge, die beim Knipsen nie auffallen würden. Man verbringt eine gewisse Zeit vor und mit dem Motiv. Wenn man dann später die Skizze nochmal anschaut – und anders als bei 25 im Vorbeigehen gemachten Smartphonefotos macht man das dann auch –, erinnert man sich auch an die Sonne oder an den kalten Wind. An Gesprächsfetzen der Passanten, einfach an die gesamte Situation. Skizzen haben etwas Authentisches und Ehrliches, denn jeder Zeichner sieht sein Motiv mit seinen Augen. Und Menschen, die die Skizzen später ansehen, sehen die Welt aus der ganz eigenen Sicht des Zeichners. Ich denke, das macht einen großen Teil der Faszination des Urban-Sketching aus, egal ob als Zeichner oder als Betrachter.

Machst du deine Urban Sketches immer spontan– oder auch mal „geplant“?

Meistens entstehen die Skizzen eher spontan, wenn mich irgendetwas „anspringt“, das Licht auf einem Baumstamm, ein hübscher Erker an einem Haus oder sonstwas.Dann packe ich die Sachen aus und los geht es. Ein kleines Skizzenheft, zweiStifte, einen Wassertankpinsel und eine kleine Dose mit sechs Farben habe ich immer dabei. Das ist die Minimalausrüstung, die auch mit in die Kneipe oder mit in ein Museum kommt. Wenn ich aber vorab geplant habe, eine Skizze zu machen, packe ich auch noch einen kleinen Aquarellkasten sowie ein Skizzenbuch in A5-Größe,Wasser, Becher, mehrere Stifte und Reisepinsel ein (siehe Foto weiter unten). Wenn wir uns mit mehreren Sketchern verabreden, ist es immer spannend zu sehen, dass bei gleicher Umgebung doch jeder seinen ganz eigenen Blick hat und alle Skizzen unterschiedlich werden.

Urban-Sketch-Ausrüstung für Fortgeschrittene
Urban-Sketch von Birgit Winter: Die ehemalige Esso-Tankstelle an der Bachstraße am Rande der Düssel

Kommt es auch mal vor, dass ein Sketch zu Hause nach einer Fotovorlage entsteht? Oder skizzierst du immer im öffentlichen Raum?

Nach Fotos male ich selten, denn das hat dann nichts mit derIdee des Urban-Sketching zu tun. Fürs Urban-Sketching muss man vor Ort sein und dort arbeiten. Klar, zuhause ein Detail ergänzen oder etwas Farbe hinzufügen – das kann man machen. Manchmal spielt ja das Wetter nicht mit oder die Zeit wird zu knapp. Nachbearbeitungen mache ich zugegebenermaßen nicht gern und eher selten. Ich versuche möglichst vor Ort fertig zu werden.

Urban-Sketch von Birgit Winter: Fischtreppe am Brückerbach

Wie lange dauert es, bis ein Urban-Sketch „fertig“ ist?

Es sind ja nur Skizzen und keine Gemälde für eine Ausstellung, für die brauche ich deutlich länger. Eine normale Skizze ist meist nach einer guten Stunde fertig – wenn es läuft. Ich bin kein Fan von stundenlangem Aufhübschen, ich mag das Schnelle und auch ein wenig Flüchtige von Skizzen.

Wie bist du auf die Düssel als Motiv gekommen?

 Ich habe das Glück, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zukönnen, und dabei begleitet mich die Düssel täglich einen großen Teil des Weges. Was liegt also näher? Die Stelle einer meiner Düssel-Skizzen habe ich imHerbst direkt vom Fahrrad aus entdeckt, hatte aber keine Zeit, sie festzuhalten. Also habe ich dazu dann die nächste Mittagspause genutzt, bevor die letzten gelben Blätter von den Bäumen gerissen wurden. Weil ich es so eilig hatte, habe ich es mit den Farben ein wenig übertrieben. Meine Lieblingsstelle an der Düssel wirkt auf den ersten Blick übrigens eher hässlich: die große Kreuzung an der Vennhauser Alle, Ecke Gumberstraße, nahe dem Düssel-Café. Dort kann man von der Brücke aus hin und wieder Forellen im Wasser der Düssel sehen, und das finde ich jedes Mal aufs Neue unglaublich grandios.

Urban-Sketch von Birgit Winter: Holzbrücke am Zusammenfluss von Südlicher Düssel und Eselsbach

Hattest du eine „Düssel-Kindheit“, in der du rund um das Flüsschen gespielt hast?

Wasser und Bäche fand ich immer schon klasse, frag meine Eltern. So schnell konnten sie mich nicht fassen, dass ich nicht doch mit den Füßen im Wasser gelandet wäre. Die Düssel war näher als der Rhein, und ich habe zum Leidwesen meiner Eltern gern dort gespielt. Einmal kam ich mit ein paar Stichlingen nach Hause. Meine Mutter musste ein Aquarium aus einer Kühlschrankschublade improvisieren …

Urban-Sketch von Birgit Winter: die Düssel in der Buga

Bist du in der Szene vernetzt? Wo treffen sich Urban-Sketcher im Netz bzw. im echten Leben?

Sie tauschen sich rege im Internet aus, besonders auf facebook. Es gibt einzelne lokale Gruppen – wie zum Beispiel Urban SketchersDüsseldorf/Köln (NRW) – aber auch deutschland- und weltweite. Dabei zeigen die Urban Sketcher ihre Skizzen und verabreden Treffen. Mittlerweile gibt es Urban-Sketcher so gut wie überall auf dem Globus. Man kann also die ganze Welt durch die Augen der Zeichner entdecken. Wer es etwas kleiner mag: Die Düsseldorfer Urban-Sketcher treffen sich einmal im Monat zum gemütlichen Beisammensein, und die Termine sind in der facebook-Gruppe zufinden.

Urban-Sketch von Birgit Winter: die Düssel in Wersten

Wo kann man über die begleitend zu diesem Interview gezeigten Bilder hinaus Sketches von dir entdecken?

Meine Skizzen gibt es auf meinem Facebook-Profil und auch in meinem Blog zu sehen. Für das nächste Jahr plane ich ein oder zwei kleine Ausstellungen, aber es gibt noch nichts Konkretes. Allerdings werden dabei normale Aquarelle zu sehen sein, keine Urban-Sketches.

Urban-Sketch von Birgit Winter: die Düssel am Werstener Deckel

Was hast du zuletzt skizziert?  

Mein letztes Motiv vor Ort war eine Frau mit oranger Jacke im Südpark. Das war Anfang Dezember. Inzwischen wird es vom Wetter her zu ungemütlich, um draußen zu zeichnen. Da zieht es mich eher in ein schönes Cafe. Spätestens im Frühling geht es weiter.

Urban-Sketch von Birgit Winter: Frau an Baum mit Smartphone

 

Urban Sketching ist für mich wie ein kleiner Urlaub vom Alltag, der auch mal auf dem Weg von der Arbeit nach Hause passieren kann.

Birgit Winter

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