(#30) Out of Gerresheim

in Düsseldorf/Erkrath/Neandertal/Natur

Wie wir an der Stadtgrenze kratzen / Wie wir dabei das Kleinwalsertal der Kleingartenwelt entdecken / Und wir wir über Umwege punktgenau auf der “Brücke von Gödinghoven” landen.

Mein bester Freund P. hat extra einen Google-Maps-Ausdruck des Düssel-Abschnitts mitgebracht, den wir heute entlang flanieren wollen. Denn: Auf unseren Smartphones werden die Stadtteilgrenzen auf Google Maps nicht angezeigt, zu Hause am PC aber schon. Zu klären: Erreichen wir heute schon die Stadtgrenze? Gelangen also von Düsseldorf-Gerresheim auf Erkrather Stadtgebiet? Oder nicht?

Noch sind wir in Gerresheim, parken auf der Katharinenstraße,  am Ende einer Sackgasse. P. schießt ein Foto. Direkt vor ihm: Zwei dieser rot-weißen Pöller-Paare, jeweils verbunden mit einer Kette. Die Dinger, die einen zwingen, einen Zick-Zack-Umweg zu gehen bzw. (mit dem Fahrrad) zu fahren. Im Hintergrund: eine mit Graffittis Schmierereien verschönte versaute Autogaragenreihe. Sein Kommentar: „Wenn du so was bei richtigem Licht im richtigen Ausschnitt mit einer richtigen Profikamera aufnimmst und richtig nachbearbeitest, sieht es aus wie Kunst. Vennhausen, in the hood.

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Vielleicht hat P. Recht, aber: Auf seinem iPhone sieht das Resultat nur ein kleines Bisschen aus wie „Vennhausen, in the hood“, eher wie ein richtig ordinäres Smartphone-Foto.

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Vorbei an einem Bolzplatz, die Düssel bereits im Blick. Dort, wo wir das letzte Mal gestoppt haben, geht es heute weiter flussaufwärts: Zur Düsselaue. Für die, die nicht dabei waren: Das ist der Name einer Straße bzw. eines Weges, der unmittelbar am Düssel-Ufer endet, vor einer Düssel-Fußgänger-Brücke. Der Klassiker, mit knallgelbem Geländer. Kennt Ihr schon …

P. dreht mit seinem Smartphone ein Video, als wir auf die Brücke zu gehen. Schwenkt von der Brückenmitte einmal flussabwärts (Blickrichtung: Spaltwerk Höherhof), einmal flussaufwärts (Blickrichtung: Alte Insel).

Weiter flussaufwärts also. Auf dem offiziellen Uferweg. Wieder nur Menschen unterwegs, die mit ihren Hunden spazieren gehen. Und Hunde, die ihre Menschen ausführen. Wir nähern uns einer Stelle, an der die bis dahin kanalisierte Düssel aus einer Unterführung herausfließt. Die Straße darüber heißt Alte Insel.

Klugscheißer-Notiz im Hinterkopf: Wo endet eigentlich die Begrifflichkeit „Brücke“, und wo beginnt die Begrifflichkeit „Unterführung“? Oder gibt es für „Unterführung“ etwas Passenderes? In einem Land, in dem Wortmonster wie „Ressourcenetikettierungsdilemma“ erfunden worden sind,  haben sich wahrscheinlich auch darüber schon irgendwelche Bürokraten Gedanken gemacht.

Über der Überführung steht linkerhand ein altes Haus. Früher mal berankt (Ein Ex-Efeu-Haus?), heute blank und etwas abgerockt.

„Da würde ich gerne einziehen“, sage ich. „Blick aus dem Fenster auf die Düssel!“

„Da würde ich erst mal renovieren“, sagt P., etwas mürrisch drauf heute.

Auf dem Düsseldach parken Autos. P. blickt auf seinen Google-Maps-Ausdruck: „Die Straße heißt Alte Insel“, sagt er – und zieht einen messerscharfen Schluss:  „Das heißt wohl, dass die Düssel hier früher mal in zwei Armen um eine Insel oder Halbinsel herumfloss.“

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Ein Blick zurück flussabwärts:

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Dreißig Meter weiter geradeaus: Ecke Alte Insel / Glashüttenstraße. Die Eckkneipe heißt „Promille“.

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Mein bester Freund P. deutet auf die andere Straßenseite. Lastwagen donnern vorbei. Viel Verkehr. Kein Zebrastreifen, keine Fußgängerampel. So etwas lohnt hier nicht, es sind einfach zu wenige Menschen zu Fuß unterwegs. Keine flaneurfreundliche Straße. Wir erwischen zehn autofreie Sekunden und huschen rüber. Immerhin: Auch hier steht das an Autobrücken bzw. Düssel-Unterführungen obligatorische Düsselschild.

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Auf der anderen Glashüttenstraßenseite: Neben uns erstreckt sich die Zufahrt zu einer Villa, parkähnlich, mit der Düssel als Nachbarn.

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„Da wiederum würde ich gerne einziehen“, sagt P.

„Schnösel!“, sage ich.

Wer uns bis hierhin gefolgt ist, kennt das Spiel schon: Mit Ironie, ohne Jack Wolfskin …

Vor uns: Die Düssel, kurz bevor sie die Glashüttenstraße unterfließt. Von hängenden Ästen und Sträuchern verdeckt, schwer einsehbar. Am Ufer entlang? Keine Chance.

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„Wir haben zwei Möglichkeiten“, sage ich. „Rechts oder links halten, und dann um die Ecke rum einen Weg suchen, der uns wieder an unser Flüsschen heranführt.“

P. guckt auf seinen Google Maps-Ausdruck. „Hmm“, macht er. „Wir könnten da vorne …“, er zeigt nach rechts, „ … in den Gödinghover Weg einbiegen. Und dann versuchen, das rechte Düssel-Ufer zu erreichen.“

„Oder?“, frage ich.

„Oder …“, P. Zeigt nach links, „wir folgen der Glashüttenstraße entlang der Brücke über die Bahntrasse und versuchen von da aus, uns an das linke Düssel-Ufer heranzutasten. Vielleicht gibt es eine Treppe, die nirgendwo eingezeichnet ist. So wie auf der Brücke über die A46 auf der Etappe von Wersten nach Eller.

Wir entscheiden uns für die letztgenannte Variante, folgen der Glashüttenstraße. Ein Blick zurück:

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Weiter. Vorbei an einem Supermarkt-Parkplatz. Von da aus kann man den Düsselverlauf bereits erahnen – aber nicht erreichen. Schöne Altbauten auf der anderen Straßenseite. In den Erdgeschossen: Ein italienisches Restaurant, ein Handwerksbetrieb, ein Friseurladen namens „Lockentheater“
und eine Shisha-Bar. In der Kurve geht es bereits bergauf. Hin zur Autobrücke, welche die Verlängerung der Glashüttenstraße über die Bahntrasse führt.

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Kein schöner Ort, diese Brücke. Zumindest nicht für Fußgänger. Auch keine Spur der erhofften Treppe, die uns einen Weg hin zu unserem Flüsschen eröffnen könnte. Immerhin: Wieder mal erwartet uns ein knallgelbes Geländer. In der Brückenmitte wird es durch eine Schutzwand erweitert, die an eine Bobbahn erinnert.

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Soll ja keiner mit dem Auto aus der Kurve und auf die Schienen fallen. Wir lassen den Blick über das Gelbgeländer schweifen. Und erkennen zwischen Wiesen,  Feldern und Strommasten den Düssel-Verlauf. Ganz im Hintergrund: ein Backsteinhaus. „Das müsste am Gödinghover Weg liegen“, sagt P., „unserer Alternativroute.“

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Wir machen Fotos und ein Filmchen. Zu erkennen ist da unten auch eine Brücke, die über die Düssel führt. Offensichtlich dient sie ausschließlich als Zufahrt zu einer Art Betriebshof mit Betriebshäuschen. Was auch immer da betrieben wird. Mitten im Düsseldorfer Niemandsland. Hinter der Wiesenlandschaft: Wald, leicht hügelig. Die Gödinghovener Düsselauen, ein Naturschutzgebiet.

P. holt seinen Google Maps-Ausdruck hervor. „Wenn ich mich nicht täusche, liegt die Brücke da unten exakt auf der Grenze zwischen Gerresheim und Erkrath.

Was nun? Wir vermuten, dass wir über die von der Bahntrasse-Brücke abzweigende Straße Im Brühl eine Kleingartenanlage erreichen können, an der der Düssel entlang fließt. Im Brühl – beidseitig von Kleingärten flankiert – markiert laut Google Maps die Grenze zwischen Düsseldorf-Gerresheim und Erkrath. Und die angepeilte Kleingartenanlage, von der aus wir uns einen Blick auf unseren Fluss erhoffen, liegt jenseits dieser Grenze.

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„Willst du dich wirklich in Erkraths Kleinwalsertal wagen?“, frage ich.

Leichte Irritation bei P.: „Wie jetzt?!

„Die Kleingartenanlage am Ufer der Düssel liegt auf Erkrather Stadtgebiet, ist aber mit dem Auto nur von Düsseldorf zu erreichen. So wie das Kleinwalsertal. Das gehört zu Österreich, ist aber mit dem Auto nur von Deutschland aus zu erreichen.“

P. zuckt die Achseln, findet meine Ausführungen offenbar nicht interessant. Er tut zumindest so.

„Also, irgendwie finde ich das blöd, hier weiterzugehen“, sagt er mit Blick auf seinen Kartenausdruck. „Die Düssel hat hier ja bereits die Bahntrasse unterquert. Ich finde, wir sollten erst einmal schauen, wie nah wir auf der anderen Route ans Wasser herankommen. Sonst wäre die heutige Etappe nicht komplett.“

So soll es sein – auch wenn ich denke, dass wir das alles vermutlich (wieder mal) viel zu ernst nehmen. Zurück zur Über-die-Bahntrasse-Brücke. Rechts fällt der Blick ins Gerresheimer Kleingartenmeer, mitten darin schwimmt eine Deutschlandfahne.

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Auf dem Rückweg fällt uns auf: Von der Mitte der Brücke kann man bis zum Rheinturm sehen.

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Dann erneut vorbei an Lockentheater und Promillekneipe, bis wir an der Ecke Kamper Weg / Glashüttenstraße stehen. Ein Schild weist den Weg hin zur Autobahn und zum Unterbacher See. Und hundert Meter dahinter ist eine Filiale von Bo Concept.

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„Was wollen die denn hier?“, fragt P.

„Lauf … äh … Fahrkundschaft gewinnen?“, sage ich.

„Wahrscheinlich gibt’s den Laden schon seit zwanzig Jahren“, sagt P., während wir in den Gödinghover Weg einbiegen. „Und wir haben es nicht gemerkt, weil wir uns kaum in diesem Teil der Stadt aufhalten.“

„Weißt Du, was mir bisher immer spontan zu Gerresheim eingefallen ist?“, frage ich – und gebe sofort selbst die Antwort: „Tus Gerresheim!“ 

Fußball-Experte P. ahnt, worauf ich hinauswill: „Der erste Verein der Allofs-Brüder?“

Ich nicke und tippe in die Google-Suchmaske meines Smartphones: „Tus Gerresheim,Vennhauser Allee 261, das ist nur ein paar Hundert Meter von hier.“

„Mir doch egal, wo Klaus und Thomas Allofs mal gespielt haben“, sagt P. „ich bin Gladbach-Fan.“

„Gladpack!“, sage ich und grinse.

P. zeigt mir freundschaftlich den Stinkefinger. Er kann nichts dafür, er kommt aus Neuss.

Auf dem Gödinghover Weg. Ein Blick zurück:

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Ein Blick nach vorne:

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Wir passieren linkerhand ein Backsteinhaus – vermutlich das, was wir eben von der Bahntrassen-Brücke aus gesehen haben. Danach folgt ein verlassenes Bauerhaus mit Fachwerkmuster.

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Hinter einer mit auseinanderfallenden Holzlatten umrandeten Wiese ist der Düsselverlauf zu sehen, außerdem das erwähnte Betriebshaus und die „Grenzbrücke“. Da wollen wir hin!

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Ein Jogger grüßt, überholt uns.

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Der Weg steigt langsam an. Links geht es runter (Wiesen), rechts hoch (Wald).

Grenzfetischist P. weiß Bescheid: Der Wald gehört schon zu Düsseldorf-Unterbach, und der Gödinghover Weg in diesem Abschnitt noch zu Düsseldorf-Gerresheim, und an der nächsten Ecke müssten wir die Stadtgrenze zu Erkrath erreichen. Dort geht ein Feldweg Richtung Düssel ab.

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Auf einem von Ästen halb verdeckten Schild steht: „Kein öffentlicher Durchgang. Unbefugten ist der Zutritt verboten.“ Nur: Das Schild steht so, dass nicht wirklich klar ist, worauf es sich bezieht. Auf den asphaltierten Gödinghover Weg? Oder auf den nicht asphaltierten Feldweg, der schnurgerade Richtung Düssel führt?

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P. hat das Schild ebenfalls gelesen. „Wir wollen ja nirgendwo durch-gehen, sondern nur kurz zur Düssel hin- und dann wieder weg-gehen.“

Das machen wir dann auch. Schöne Landschaft. Auf der Wiese am Wegesrand stehen überall diese weißen Heuballen-Kondome (wie nennt man die eigentlich offiziell?). Auf der Wiese: Eine Scheune. Und ein Zelt.

„Zirkus?“, frage ich.

„Aber was machen dann die Kühe?“, fragt P.

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Wir haben Glück: Die Düssel-Brücke scheint normalerweise durch ein Gitter verschlossen zu sein. Jetzt steht es offen. Liegt ganz sicher an den Fahrzeugen, die hundert Meter weiter an dem erwähnten „Betriebshof“ stehen.  P. dreht einen iPhone-Clip von der Brückenmitte aus, schwenkt flussabwärts und flussaufwärts, und zwischendurch ist auch kurz die Bahntrassen-Überführung zu sehen, von der aus wir noch vor einer Viertelstunde auf diese Brücke heruntergeblickt haben.

Ein Blick flussabwärts:

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EIn Blick flussaufwärts:

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Grenzfetischist P. nimmt es erneut ganz genau, gibt seine Google Maps-Erkentnisse preis: Die Düssel wird etwa hundert Meter von hier flussaufwärts die Bahntrasse unterqueren und verläuft dann an dem nur von Düsseldorf aus zugänglichen Kleingartengelände vorbei, dem erwähnten „Kleinwalsertal“ Erkraths. Der Feldweg, über den wir gekommen sind, gehörte bereits zu Erkrath. Würden wir die Brücke überqueren, wären wir wieder in Düsseldorf. „Wir stehen gerade genau auf der Grenze.”

Out of Gerresheim. Auf der Brücke von Gödinghoven.

„Weißt Du, was viel wichtiger ist als diese ganze kleinkarierte Grenzkacke?“, frage ich.

„Was kann es wichtigeres geben?“

„Wir haben kürzlich auf einer Vennhausen-Etappe scherzhaft darüber spekuliert, ob es neben Kühen und Pferden auch Menschen gibt, die grasen. Und jetzt haben wir auf facebook ein Leserfeedback dazu erhalten.“

„Sensationell. Und?“

„Es gibt tatsächlich Menschen, die grasen. Eine Schweizer Band hat einen Song darüber geschrieben. Ich habe den Beweislink.

“Passt zur Landschaft. Die sieht hier ja auch genauso aus wie in der Schweiz.  Na ja, ein kleines Bisschen. Nur ohne Berge. Aber mit Heu und Kühen. Und mit dem bekanntesten unbekannten Fluss Deutschlands. Die rheinische Schweiz, sozusagen.”

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