(#33) Mit Toni Turek, ohne Villa Kunterbunt

in Erkrath/Neandertal/Natur

Wie wir unserem Flüsschen durch die Erkrather Everglades folgen / Wie wir dabei keine Pippi Langstrumpf-Villen sehen  / Und wie die Düssel natürlich nicht! mitten durch ein Fußballstadion fließt.

Obwohl wir ausdrücklich „kein Wanderblog“ betreiben: Dem Thema „Wandern“ können wir nicht entkommen – besonders, seit wir die Stadtgrenze von Düsseldorf nach Erkrath überschritten haben. Quasi „überall“ Schilder, die auf Entfernungen, Fahrradrouten und Wanderwege hinweisen. Auch heute ist es schon nach ein paar Metern so weit: Vom Parkplatz an der Düsseldorfer Straße (Haus Morp) biegen wir in den Gödinghover Weg ein. Hin zu der Düssel-Brücke, wo wir letztens unserem Flüsschen durch einen sehr schönen, aber auch sehr dichten und somit unflanierbaren Urwald folgen mussten. Stromabwärts, ausnahmsweise.

„Und schon geht’s wieder los“, sagt mein bester Freund P. und zeigt auf die an einem krummgefahrenen Rohrpfosten angebrachten Schilder:

D-Vennhausen 1,7, Mettmann 8,4, Neandertal 4,6, D-Gerreseim 1,4

Gemeint sind: Kilometer.

„Ist immer gut, wenn man weiß, wo man im Leben steht“, sage ich.

P. deutet auf einen dicken Baum. Vielleicht eine Eiche, auf jedem Fall keine Birke. Darauf ist ein Schild montiert: Bei der letzten Etappe hatten wir ja uns ja gefragt, warum der Sauerländische Gebirgsverein hier, ziemlich weit weg vom Sauerland, einen Wanderweg mit „D“ markiert hat. Jetzt lesen wir den Grund: Das „D“ steht für den „Düsseldorfer Weg“, der quasi einmal um den kompletten Stadtrand herum führt. Und tatsächlich gibt es im Sauerländischen Gebirgsverein soagr eine „Abteilung Düsseldorf“, die sich hierfür verantwortlich zeigt. Eines ist klar: Organisatorisch sind DIE ganz weit vorne – und wanderwegstechnisch sind WIR total ungebildet …

„65 Kilometer in 6 Etappen“, liest P. vor.

„Im Gegensatz zu 45 Kilometern von der Mündung bis zur Quelle“, sage ich. „Mit 33 Etappen haben wir wohl rund ein Drittel geschafft, also werden es voraussichtlich mindestens 99 Etappen.“

„Wenn nicht gar 100“, ergänzt P. Er schweigt – und sagt dann: „Na ja, eigentlich sind wir ja auch so eine Art Wanderverein.“

„Ja, einer mit zwei Mitgliedern“, sage ich. “Abteilung A und Abteilung B.”

„Und mit eigenem Blog“, sagt P.

„Vielleicht sollten wir uns Düssel-Flaneur-Aufkleber drucken lassen, um zukünftig unsere Strecke ebenfalls zu markieren“, sage ich. „Was dieser Sauerländische GebirgsAlpenverein kann, das können wir auch!“

„Ist sicher strafbar“, vermutet P.

„Also, ich sehe immer wieder irgendwelche Aufkleber an Laternenpfählen und Stromkästen. Meinst Du, die werden alle strafrechtlich verfolgt?“

P. zuckt die Achseln: „Wir sollten jedenfalls nicht unsere Namen und unsere Adressen draufschreiben.“

Noch 150 Meter bis zur Düssel-Brücke. Wir folgen dem Gödinghover Weg, begleitet vom Rotthäuser Bach.

„Bis die Düssel so schmal ist, dass man sie wie diesen Bach hier mit einem Satz überspringen kann, dauert es sicher noch  30 Etappen“, sagt P.

Als wir die Düssel-Brücke erreicht haben, zischt wieder mal einer dieser flotten Fahrrad-Senioren an uns vorbei. Die treffen wir immer öfter, seit wir Düsseldorf hinter uns gelassen haben.

„Ob der heute noch den kompletten Neanderlandsteig durchrockt?“, frage ich.

„Mindestens, ich würde sogar sagen, der ist bei diesem Tempo in spätestens drei Stunden im Sauerland“, sagt P.

Er räuspert sich. „Also, eines wird man bei der Gelegenheit wohl auch noch sagen dürfen … “ Nach diesem Einstieg moduliert Populismus-Experte P. seine Stimme auf Wutbürger-Level: „Die alten Leute heutzutage sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher haben sie wenigstens noch ein paar ordentliche Sonntagsspaziergänge unternommen! Und heute?! E-Bikes und Nordic Walking statt Kegelbahn und Canasta! Pfui!“

„Und das Schlimmste“, ergänze ich: „Es werden immer mehr!“

„Wenigstens sind sie nicht tätowiert“, sagt P.

„Noch nicht …“, sage ich.

“Danke, Merkel!”, sagt P.

Rechts von der Brücke, kurz vor der einsamsten Skateboard-Anlage der Welt, folgen wir unserem Flüsschen über einen aufgeweichten Trampelpfad. Näher an die Düssel heranzukommen, ist unmöglich. Ein Teppich aus Gräsern und Gestrüpp versperrt den Weg.

P. kommt vom Pfad ab und versinkt mit einem Schuh im Boden. „Scheiß Dauerregen“, sagt er. „Noch so einen Urwald-Trip wie letztes Mal mache ich nicht mit.“

Doch seine Sorge ist unbegründet, denn der Pfad mündet auf einem offiziellen, mit Pflastersteinen ausgelegten Spazierweg. Wir gelangen an einer lichten Stelle ans Ufer, schießen einige Fotos.

„Sieht hier aus wie in Florida, so mangrovenmäßig“, sagt P. „Erkrather Everglades.“

„Warst du überhaupt schon mal in Florida?“, frage ich.

„Nee, habe das letztens in einer Doku bei National Geographic gesehen.“

„Hier hast Du den Kontrast zu Florida“, sage ich, putze mir die Nase und lasse das Taschentuch in einen mit himmelblauer Mülltüte ausgestatteten Papierkorb fallen. „So ein Ding haben die sicher nicht in den Everglades.“

Rechts vom Spazierweg schimmert ein Fußballplatz durch, links verläuft die Mangroven-Düssel.

Über einen kleinen Pfad schlagen wir uns wieder zum Flüsschen durch, machen ein paar Fotos und einen Clip. Ambiente vor Ort: Ins Wasser gefallene Bäume mit grün-vermoosten Ästen. Schlammiges Ufer. Leichte Strömung.

Weiter. Auf dem Spazierweg scheinen nur Hunde mit ihren Menschen unterwegs zu sein. Alle anderen Erkrather sind an diesen Nachmittag noch bei der Arbeit oder Zuhause. Jedenfalls: Nicht hier, an diesem idyllischen, von gelbem Laub flankierten Herbst-Ufer. Unkontrollierte Düssel-Wildnis vs. kontrollierter Spazierweg.

Nach hundert Metern öffnet sich erneut ein Trampelpfad zur Düssel. Auf der anderen Flussseite: Zäune von ziemlich großen Grundstücken. Man kann zwischen den Büschen und Ästen Blicke auf die dazugehörigen Häuser erhaschen: Sie sehen aus wie zu groß und zu edel geratene Villa Kunterbunts – und lassen sich nicht fotografieren. Immer zu viel Natur vor der Linse – und zu wenig Haus, das durchschimmert. Nicht smartphonekamerakompatibel …

Der Spazierweg nähert sich einer Biegung, und die Biegung bestimmt eine Holzbrücke. Doch vorher werden wir wieder durch Schilder und Aufkleber entfernungs- und routenmäßig ins Bild gesetzt. Gnadenlos …

Langsam aber sicher gelangen wir in dichter besiedeltes Gelände. Auf der anderen Flussseite taucht eine Backsteinmauer auf. Sieht so aus, als sei sie irgendwann mal aus privater Initiative gebaut worden, als Begrenzung zur Düssel …

Die nächste Kurve. Wir passieren einen Privatgarten mit rund 25 Metern direktem Düssel-Zugang (neuer Rekord!).

Und dann führt der Weg auf ein Reihenhaus-Ensemble zu. An der Wegbiegung das obligatorische Entfernungsschild, diesmal in bisher nicht gekanntem Design. Google Maps informiert unsere Smartphones: Wir befinden uns auf der Morper Allee.

Wir folgen der Morper Allee stadteinwärts. Passieren einem riesigen Wohnkomplex mit Balkonen,die aus der Entfernung wie Schießscharten wirken.  Davor: Zwei Stromkästen. Der linke mit von den Stadtwerken Erkrath bestellter Glühbirnen-Streetart, der rechte mit von den Stadtwerken Erkrath tolerierter Werbung für einen Konrad Beikircher-Auftritt im Kulturbahnhof Gerresheim.

Dann eine steile Kurve. P.  macht noch ein Foto vom längstem privaten Direkt-an-der-Düssel-Garten Erkraths, wenn nicht gar der Welt – und sagt: „So, liebe Düssel, das wars mit uns für heute!“ Was einerseits stimmt: Denn von exakt dieser Stelle aus werden wir die nächste Etappe starten. Und
andererseits nicht stimmt: Denn wir müssen ja noch zurück zu den Autos, und das dürfte schwer werden, ohne die Düssel mindestens einmal zu überqueren.

„Lass uns einen anderen Rückweg nehmen“, schlägt P. vor. „Ein Bisschen was von Erkrath kennen lernen.“

Eigentlich haben wir uns vorgenommen, die Zurück-zum-Parkplatz-Beschreibungen aus dem Blog zu verbannen. Aber dann sehen wir einem Schild, das den Weg zum Toni-Turek-Stadion weist. Für mich als Fortuna Düsseldorf-Anhänger etwas Besonderes. Schon mein Großvater hat mir vom legendären Toni Turek erzählt. Für P., als gebürtiger Neusser mit Borussia Mönchengladbach sozialisiert: egal. Dem müsste man schon mit einem Jupp Heynckes-Stadion kommen. Oder mit einer Allan Simonsen-Arena …

Weiter: Die Freiheitsstraße entlang, dem Alltag entgegen. Durch ein – wie soll man sagen – „seriöses“ Wohngebiet. Ordentliche Gärten vor Häusern mit spitzen Dächern, Menschen mit Hunden auf der Straße.

Auf dem Parkplatz vor dem Toni-Turek-Stadion fotografiert P. einen Aufkleber, der an einem Laternenpfahl auf ein Album des Düsseldorfers DJ Meks hinweist. Ob dieser DJ Meks diese Ecke zielgruppenorientiert ausgewählt hat? Oder eher zufällig?

Offenbar besessen von seiner Düssel-Flaneur-Sticker-Idee sagt meni bester Freund P.: „Alter, an der Stelle könnten wir jetzt auch eine klebende Duftmarke hinterlassen.“

Ich schüttele skeptisch den Kopf. Wir spazieren am Stadion vorbei, das – wie weitere Aufkleber verraten – eine nazifreie Zone ist.

„Hoffentlich ist auch der Rest von Erkrath nazifrei“, sage ich. „Nicht nur das Stadion.“

„Die haben im Rest der Stadt sicher bloß die Nazifreie-Zone-Aufkleber vergessen“, kommentiert P.

Tatsächlich sehen wir zumindest rund um das Toni-Turek-Stadion keinen einzigen Nazi. Wir sehen überhaupt keine Menschen. Nur zwei Amseln und drei Kaninchen, die ihre politische Gesinnung allesamt zu nicht erkennen geben …

Kurz darauf stehen wir wieder an der Ecke Gödinghover Weg / Düsseldorfer Straße – da, wo unsere heutige Etappe vor einer knappen Stunde begonnen hat.

Und weil dies wohl die bisher schildlastigste Flanier-Etappe überhaupt ist, muss sie natürlich auch mit einem Schild enden. Erst jetzt fällt es uns auf: Vor uns an dem Rohrpfosten stehen nicht nur allerlei Entfernungshinweise. Dort steht auch der Name des Wegs, der uns nun schon seit Gerresheim über mehrere Düssel-Flaneur-Etappen begleitet hat – oder besser gesagt: wir ihn. Allerdings in einer bisher nicht gekannten Schreibweise: „Göddinghofer Weg“ (mit Doppel-„d“ und mit „f“) statt wie bisher „Gödinghover Weg“ (mit einem „d“ und „v“).

Und so endet unser Düssel-Tag mit einer weltbewegenden Frage: „Ist das eine die Düsseldorfer und das andere die Erkrather Schreibweise? Oder hat sich der Schildhersteller vertan?“

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