(#49) Hommage an den Wald im Winter

in Erkrath/Neandertal/Natur

Wie wir die Düssel in Wuppertal, aber nicht im Wuppertal verfolgen / Warum das Bergische Land nicht bergig, sondern hügelig ist / Und wie der Winter Potenzprobleme hat

Gute Vorsätze für 2020? Vielleicht mal mehr als drei bis vier Entlang-der-Düssel-Etappen pro Jahr schaffen, der Düssel-Quelle ernsthaft näherkommen! Mein bester Freund P. und ich haben ein schlechtes Gewissen.

„Die letzte Etappe haben wir Ende August 2019 gemacht“, sagt mein Begleiter, nachdem wir den Wagen auf dem Wanderparkplatz in Wuppertal-Schöller abgestellt haben.  Außer uns: Keiner da an diesem Morgen. P. hat noch Resturlaub abzufeiern, und ich nehme mir die Zeit. Muss sie mir nehmen! Denn das geht ja so nicht: Vollmundig ankündigen, die Düssel-Quelle anzupeilen – und dann nicht liefern. Zumindest: so selten liefern wie im Jahr 2019. Okay, jeden Monat eine Düssel-Flaneur-Kolumne für die Zeitung schreiben ist eine Entschuldigung. Aber nur eine kleine …

„Keine Herbstetappe!“, konstatiere ich konsterniert. „Nicht eine!“

„Wusstest du früher, dass die Düssel auch durch Wuppertal fließt?“, fragt er.

„Sie fließt durch Wuppertal, aber nicht durchs Wuppertal“, klugscheiße ich.

Und dann geht es auch schon los, passenderweise über einen asphaltierten Weg, der genau der Zielvorgabe entspricht: Zur Düssel.

Düssel Wuppertal Schöller

Kurz die „Koordinaten“: Schöller, der westliche Zipfel des Stadtgebiets von Wuppertal gehörte mal zu Haan bzw. Gruiten, seit 1975 ist die Gemeinde im Rahmen der „kommunalen Neugliederung“ an die Schwebebahn-Stadt angeschlossen.

Wer sich daran erinnert, dass wir bei unserer Vorgänger-Etappe nahe der Grube 7 bei Gruiten-Dorf umgekehrt sind, wundert sich vielleicht, warum wir heute direkt von hier aus, also viel weiter flussaufwärts starten. Ganz einfach: Aus Parkplatzgründen erobern wir den Abschnitt zwischen Düsseler Mühle (bei Gruiten Dorf) und Zur Düssel (Wuppertal-Schöller) heute ausnahmsweise (wenn auch nicht zum ersten Mal in diesem Blog) mit dem Düssel-Strom – und nicht (wie üblich) gegen ihn.

Runter also ins Tal, vorbei am „Rittergut Schöller“ aus dem 12. Jahrhundert. Ihr könnte ja bei Wikipedia in Ruhe Details darüber nachlesen.

Leider gibt es ein Zeitlimit: Wir sind gemeinsam mit einem alten Hund (Manolo ist auch wieder mit von der Partie) unterwegs und haben nicht viel mehr als 60 Minuten Spielraum, bevor wir wieder zurück in den Familien- und Arbeitsalltag düsen müssen. Von der 180-Grad-Kurve aus, sehen wir bereits unser Flüsschen. Es schimmert zwischen den Bäumen hindurch.

Einen (inzwischen asphaltfreien) Serpentinenschwung später überqueren wir die Düssel über eine Backsteinbrücke, passieren ein altes Backsteinhaus, dahinter ist der „Ritterturm“ zu sehen. P. macht ein Foto, kurz darauf stellt sich heraus, dass es verwackelt ist. „Egal“, sagt er. „Dann nimm später im Blog einfach die Farbe raus, dann wirkt es wie eine historische Aufnahme.“

Weiter:  Rechts von uns liegt ein (vermutlich mit Düsselwasser) aufgestauter Teich. Und dann gelangen wir an eine Gabelung, und ein Schild verrät uns, dass Gruiten-Dorf fast acht Kilometer entfernt liegt. Unser Ziel, den Endpunkt der vergangenen Etappe, dürfte etwa auf der Hälfte des Weges liegen. Also vier Kilometer hin – und dann vier Kilometer zurück.

Und auch wenn Ihr beim Wort „Flaneur“ vielleicht sofort an Müßiggänger ohne Zeitprobleme denkt, legen wir jetzt noch mal einen Gang zu. Turbo-Flaneure, quasi.

Die Düssel ist hinter einer großen Wiese zu sehen, schlängelt sich durch ein Waldstück. Die Wanderwegschilder verraten: Wir befinden uns sowohl auf dem Neanderland-Steig, als auch auf dem Bergischen Weg.

„Warum schreiben die Neanderland-Steig klein und Bergischer Weg komplett in Großbuchstaben?“, fragt mein bester Freund P. „Sind da sowohl Großschreib-, als auch Kleinschreibfetischisten am Werk?“

„Ich bin Lektor von Beruf“, lüge ich, „also gucke ich da lieber nicht hin.“

Wir passieren ein Fachwerkhaus, und ich erinnere mich daran, dass meine Eltern, als ich klein war, den Traum hatten, irgendwann mal raus aus der Stadt zu ziehen und in so einem Haus zu wohnen.

Wobei: Vielleicht war es auch nur der Traum meines Vaters oder nur der Traum meiner Mutter, und einer von beiden hat damals dann eben aus Liebe „ja, das wäre schön“ gesagt, obwohl ihn bzw. sie Fachwerkhäuser null interessierten. Jedenfalls steht da ein Schild, und auf dem Schild steht: „Hunde sind an der Leine zu führen.“ Und irgendwer, der lustig ist oder zumindest lustig sein wollte und/oder sich über unangeleinte Hunde aufregt, hat mit Edding „Alle“ darüber und „Danke“ daruntergeschrieben. In Großbuchstaben.

„Perfekter Blog-Content“, sagt P.
„Nein, Dog-Content“, sage ich.
„Schreib doch was über das Schild“, schlägt P. vor.
Weiter.

Übrigens: Es nieselt, und dann regnet es, und dann nieselt es wieder. Eine Matsch-Wanderung. Ja, stimmt, das Wort „Wandern“ benutzen wir nicht so gerne, aber mit „Flanieren“ hat das heute sicher nichts zu tun.

Es geht ein wenig hoch, und dann geht es ein wenig runter, und dann treffen wir wieder auf unsere Düssel, überqueren eine Holzbrücke, die eigentlich keine richtige Brücke ist, sondern eine Seitenbefestigung.

Angesichts der immer wieder auftauchenden „Bergische Weg“-Schilder und der dezenten Höhenunterschiede oute ich mich als „Bergisches Land“-Banause: „Bis ich dreißig war, dachte ich ernsthaft, dass das Bergische Land Bergisches Land heißt, weil es so bergig ist.“
„Idiot“, sagt P. „Dann hätte es ja Bergiges und nicht Bergisches Land heißen müssen, und außerdem ist es nicht bergig, sondern hügelig.“
„Das heiß hügelisch“, sage ich.
„Nicht lustisch“, sagt P.
„Doch, herrlisch“, sage ich. „Richtisch herrlisch!“
„Bergisch ist faktisch falsch“, konstatiert P.
Herzogtum …“, beginne ich.
„Berg!“, unterbricht P., der seine „Ich habe Recht“-Rolle gut spielt, das muss man ihm lassen.

Wir beenden das Klugscheißer-Duell und widmen uns den „wirklich wichtigen“ Dingen auf dieser Etappe: An einem Maschendrahtzaun begegnet uns nämlich ein „Warnung vor dem Hunde“-Schild, und sofort fragt P.: „Warum heißt es eigentlich vor dem Hunde und nicht vor dem Hund?“
„Frag doch Manolo“, sage ich, und Manolo wedelt mit dem Schwanz.

Schließlich geht der Pfad wieder bergauf, und wir erreichen eine Art Pferdehof, von dessen Koppel aus die Pferde einen schönen Ausblick haben: eine grüne Wiese vor der von Bäumen gesäumten Düssel. Das gefällt uns so gut, dass wir vergessen, die Pferde zu fotografieren. Google Maps zufolge heißt das Anwesen „Quarterhorse Ranch“, und die Adresse liegt bereits in Haan. Was bedeutet, dass wir vor 50 oder 100 oder 500 wenn nicht gar 1000 Metern die Grenze zwischen Wuppertal und Haan überquert haben.

Noch mal hoch, noch mal runter, und dann erreichen wir die nächste Düssel-Brücke.
„Gleich haben wir es geschafft“, sage ich.
„Ich finde Bäume im Winter am schönsten“, sagt. P. mit Blick auf die blätterlosen Wipfel um uns herum. „Weil jeder einzelne von ihnen ein Kunstwerk ist – so filigran, so individuell.“
„Hör mir auf mit solchem Naturkitsch“, sage ich, und dann lasse ich meine Augen wipfelschweifen, und ich muss innerlich zugeben, dass mein heute leicht romantisch veranlagter Begleiter nicht ganz unrecht hat.
Anschließend sagt mein bester Freund P.: „Nenn die Blog-Folge doch Hommage an den Wald im Winter.“
Und ich antworte: „Auf keinen Fall! Es schneit ja gar nicht. Der Winter bekommt keinen hoch …“
Und P. sagt: „Wie jetzt? Darf der Winter nicht regnen? Muss der immer weiß rumprotzen?“

An einer Matschweggabelung entscheiden wir uns für die rechte, matschigere und düsselnähere Seite, was sich als richtig erweist: Denn nun kommt unser Ziel in Sicht: Der Endpunkt vom letzten Mal. Ein Pöller am Ende der Straße Düsseler Mühle. Neben ihm ist „neuerdings“ ein Haufen Steine angehäuft, die sicher nicht aus Spaß da liegen, aber egal, wir können uns ja nicht um alles kümmern, wir müssen jetzt zurück zum Auto, und es macht auch keinen Sinn, das jetzt auch noch zu berichten.

P.S. Rückwege verändern Perspektiven. Daher reichen wir hier noch drei Fotos nach. 1.) Eine Wassertrinkstelle für Pferde am Düssel-Ufer. 2.) ein Gruß von der Natur, die Lust hatte Mikado  zu spielen. 3.) Ein Aus-Versehen-Foto von Manolo (leicht psychedelisch).

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