Grube 7 Gruiten Dorf Steinbrecher
Alter "Steinbrecher" nahe der Grube 7

(#48) Gruiten mit Grube

in Erkrath/Neandertal/Natur

Warum die Grube 7 einer der schönsten Natur-Orte in NRW ist. Was Pippi Langstrumpf mit Goethe gemeinsam hat. Und wie wir der Düssel-Quelle „trotzdem“ 300 Meter näherkommen.

Es beginnt mit einer Meinungsverschiedenheit: Ich möchte unbedingt weiter Richtung Düssel-Quelle spazieren – doch mein bester Freund P. schlägt einen Abstecher zur Grube 7 vor.

„Liegt doch um die Ecke“, sagt er und zeigt auf das Infoschild – unweit der Stelle, wo wir den Wagen geparkt haben.

Die Grube 7 – das ist ein stillgelegter Kalkeinsteinbruch. In der Gegend um Haan-Gruiten ist er wohl auch als „Canyon“ bekannt. Seit 1997 ist die Grube 7 offiziell ein Naturschutzgebiet. Wie ich dem Schild entnehme leben hier nicht nur seltene Vogel-, Heuschrecken- und Schmetterlingsarten, sondern auch Kröten, Frösche und Molche. Passenderweise heißt die ab der Schranke vor uns für den Verkehr gesperrte Straße Am Steinbruch.

„Okay“, sage ich. „Dann egalisieren wir heute einfach das Motto der vorhergehenden Etappe: Gruiten mit Grube“ statt „Gruiten ohne Grube“.

„Wie jetzt?“, fragt mein bester Freund P., der offenbar nicht mit meinem Sinneswandel gerechnet hat.

„Die Molche sind schuld“, sage ich. „Und die Kröten und Frösche ebenso.“

Wir begeben uns auf einen Wanderweg, der leicht bergauf führt. Richtung Grube 7. Vorbei am Skelelett des „Steinbrechers“, der früher die Steine aus der Grube zerkleinerte.

Dass der Steinbruch für Besucher schon lange gesperrt ist, wird mir erst klar, als wir kurz darauf an einem von Bänken gesäumte Aussichtspunkt stehen. Die Aussicht auf das „verbotene“, nur für die Natur reservierte Gelände ist großartig. Früher gab es hier mal einen See, in dem die Leute aus der Umgebung illegal geschwommen haben, sagt man.

„Das wird wohl nix mit Molchen heute“, sagt P. und grinst – und zeigt dabei auf die Grenzzäune am Rand der Grube. Und bevor Verwirrung aufkommt, muss ich wohl mal etwas erklären: Aufmerksamen Lesern dürfte im Verlauf der bisherigen Düssel-Etappen aufgefallen sein, dass ich eine Vorliebe für Fische habe. Nicht „Fische essen“, sondern: „Fische beobachten“! Amphibien finde ich aber mindestens genauso spannend.

Wir spazieren weiter am Grubenzaun entlang. Links neben uns steigen auf: steile Felsen. Rechts: die Kante des Abhangs, wo es rund 50 Meter nach unten geht. Und während ich mich frage, ob ich in der Nähe von Düsseldorf jemals so einen spektakulären Natur-Blick genossen habe (leider sieht man das auf den Fotos nicht so gut), fragt mich mein bester Freund P.: „Woher kommt eigentlich dein Interesse für diese ganzen Kriechviecher?“

Ich erzähle ihn von meiner Kindheits-Faszination für Amphibien, wie ich bei meinen Großeltern im Garten ein Feuchtbiotop angelegt habe und wie glücklich ich war, als nach einem Jahr tatsächlich einige Grasfrösche vorbeikamen, um ihren Laich abzulegen.

„Ist halt so“, sage ich.

„Du bist schon ein ziemlicher Freak“, sagt P. „Ein Molch-Freak!“

Auf dem Grund der Grube sehe ich einen Teich. Sicher ein Molch-Teich! Und ich komme da nicht hin …

Wir verlassen den Grubenrand, halten uns an den Waldweg, der leicht bergauf führt. Ein kurzer Blick auf Google Maps führt zu der Erkenntnis: Links halten, Richtung „Düsseler Mühle“ – der Straße, wo wir zuletzt umgekehrt sind auf unserem Weg entlang der Düssel.

Zeit für den Konter: „Wenn ich ein Molch-Freak bin“, sage ich, „was bist du dann?“

P. grinst überheblich, ich zähle auf: „Mit Mitte vierzig als Hipster-Darsteller durch die Großstadt fahren, mal auf dem Longboard, mal mit dem Rennrad. Na ja, wenigstens hast du dein Klapprad verschrottet.“

Mein rhetorisch geschulter Freund P. reagiert auf typische Weise: gar nicht.
„Du Longboard-Senior!“, lege ich nach – darauf anspielend, dass P. letztens die ersten weißen Strähnen in seinem Haarschopf entdeckt hat.

Es geht ein wenig den Berg hoch und ein wenig den Berg herunter, und schließlich spazieren wir oberhalb eines Fachwerkhauses einen Spazierweg entlang, und P. meint, er könne die Düssel jetzt plätschern hören, und kurz nachdem er das gesagt, erreichen wir über einen Zubringer-Trampelpfad bereits die Stelle, von der aus ich eigentlich ohne Grube 7-Umweg weiter flanieren wollte: Die Düssel-Brücke über die Straße Zur Düsseler Mühle.  Während sein Hund Manolo, der uns – ich erwähnte es noch gar nicht, aber Ihr habt ihn sicher schon auf den Fotos entdeckt – auch heute wieder begleitet, ein kurzes Bad in der Düssel nimmt, schaut P. bedeutungsvoll auf die Uhr. Ich dränge darauf, noch ein wenig am Ufer entlang zu spazieren: „Dann könnten wir im Blog in den Vorspann des Textes schreiben, dass wir der Düssel-Quelle zumindest 300 Meter näher gekommen sind.“

Gesagt, getan: Mein bester Freund P. hatte „seine“ Grube 7, dafür bekomme ich 300 Meter Düssel-Ufer. Kein schlechter Deal eigentlich. Wir passieren das Fachwerkhaus, das wir eben von ob gesehen haben und werden von Straßenkunst am Gartenzaun überrascht. Liebevoll gestaltete Holzschilder, die schräg an Kordeln hängen, jedes mit einer Botschaft aus prominenter Quelle.

Es beginnt mit Hans Christian Andersen:

Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben.

Darauf folgt, wie könnte es anders sein, Johann Wolfgang von Goethe:

… zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön!

„Als nächstes kommt was von Pumuckl oder von Benjamin Blümchen“, sagt P., der bereits erspäht hat, dass 10 Meter weiter noch ein weiteres Motto-Schild folgt, und gerne vermeintlich abstruse Dinge sagt.

Womit er nicht gerechnet hat: Auf Hans Christian Andersen und Goethe folgt Pippi Langstrumpf. Und auch wenn das hier vermutlich die einzige Zitat-Dreier-Reihe Andersen-Gothe-Langstrumpf der Welt ist, könnte es nicht besser passen.

Ich will euch nur sagen, dass es gefährlich ist, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht.

Kurz darauf merken wir, dass der Zitater-Dreier eigentlich ein Zitat-Vierer ist.

Be a voice, not an echo

Der Verfasser fehlt, und während wir weiter flussaufwärts gehen, die Düssel rund 20 Meter neben uns, am Rande einer grünen Wiese, verrät mir Dr. Google, dass Albert Einstein der Urheber ist.

P. spricht inzwischen gar nicht mehr. Nicht, dass seine Zunge verwelkt! Der asphaltierte Weg zweigt derweil nach links ab, und an den drei Pöllern neben dem Schild „Naturschutzgebiet“ kehren wir wortlos um. 300 Düssel-Ufer-Meter. Immerhin.

Auf dem Weg zurück zum Auto rettet der Hipster-Darsteller seine Zunge vor dem Verwelken – und fragt den Amphibien-Freak unvermittelt: „Was ist eigentlich so toll an Molchen?!“

Die Antwort bekommt Ihr bei der nächsten Etappe.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Latest from Erkrath/Neandertal

Go to Top