(#9) Düssel-Vergewaltigung

in Düsseldorf

Warum ein gebrauchtes Klapprad für Erwachsene maximal halb so viel kostet wie neues Kinderfahrrad / Wie Blog-Leser Blog-Schreiber aufklären / Und wie man zum zweiten Mal die kürzeste Straße der Stadt findet.

Mittagpause, Düssel-Flanieren ist angesagt, eine knappe Stunde. Mal schauen, wie weit wir diesmal kommen. Mein bester Freund P. ist heute tatsächlich per Klapprad angereist – vom Büro in Kö-Nähe bis zu unserem Treff für die heutige Düssel-Etappe: Die Esso-Tanke an der Bilker Bachstraße.

„Wie jetzt!?“, sage ich. „Ich dachte Klapprad-Coolios wären total uncoole Möchtegernhipster?!“

„Ja, aber nur, wenn sie aus der Provinz nach Friedrichshain oder Kreuzberg gezogen sind und dann stolz verkünden, noch nie in Charlottenburg gewesen zu sein.“ P. grinst sein P.-Grinsen und zeigte dabei seine leicht schiefen Mehmet-Scholl-Zähne. Ein echter Traumtyp. Das muss man nur noch seiner Frau („Wir haben zwei Kinder, P.!“) wieder ins Gedächtnis rufen, die weiß das zwar eigentlich auch, hat es aber vergessen, seit P. (“Und ich habe einen neuen Job!”) fast jeden Abend mindestens bis 20 Uhr im Büro sitzt und Überstunden macht.

„Ach so, in Düsseldorf als Klapprad-Coolio unterwegs zu sein, ist okay, ja?!“, frage ich.

„Ja, solange man nicht in Oberkassel wohnt und Stammgast im Muggel ist – sonst wird’s peinlich.“

„Wo hast du die Karre her?“

Trödelmarkt, Aachener Platz.“

„Geklaut?“

„Nee, da ist jedes Mal so eine Gebrauchtfahrradhändler, der gehört dort fest zum Programm. Seriöse Sache!“

„Preis?“

„55 Euro, 1A in Schuss, 10 Euro runtergehandelt! Aber es gab Riesenknatsch, weil meine ältere Tochter zuerst dachte, das süße kleine Rad sei ein Geschenk für sie.“

„Und?“

„Wir haben ihr dann um die Ecke bei Lucky Bike ein neues Puky-Fahrrad für Grundschulkinder gekauft, mit pinker Fahne und Lillyfee drauf, oder wie die Viecher da heißen …“

„War wahrscheinlich viel teurer als dein Klapprad …“

„Ja, drei Mal so teuer, ab du weißt schon: Soll ja sicher fahren, die Kleine. Und sie brauchte eh ein größeres Rad …“

„Ist klar! Komm …“ Ich zeige die Richtung. „Auf zur Düssel!“

Wir biegen auf Höhe eines Friseurladens von der Bachstraße in die Karolingerstraße ab.

„Cool, dass uns unter unserem letzten Blog-Posting ein Leser über die Bachstraße aufgeklärt hat“, sagt P.

Ich nicke. „Ja, der Name kommt wohl doch nicht von Patrick Bach, sondern von …“ Ich zücke mein Smartphone und lese den Kommentar vor:

Bachstraße: … Verweist auf den südlichen Arm der Düssel … schreibt Hermann Kleinfeld in seinem Buch “Düsseldorfs Straßen“

„Das Buch sollten wir uns mal besorgen“, sagt P.

Und verlinken!”, sage ich.

Wir folgen der langgezogenen Linkskurve der Karolingerstraße. Der gesunde Menschenverstand aka Orientierungssinn und Google Maps sind einer Meinung: Irgendwo rechts hinter den Häusern muss die Düssel verlaufen, der wir dank einer Mauer bei der letzten Etappe nicht mehr folgen konnten. Ich erinnere mich dunkel, dass ich in einem Leben vor Windeln und Kinderschwimmkursen, mal mit dem Rad über den schmalen Düssel-kreuzenden Weg gefahren bin, der circa zwanzig Meter vor uns liegt …

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Mein bester Freund P. checkt Google Maps auf seinem Smartphone: Robert-Luther-Straße heißt der Weg, der keine Straße ist und eigentlich erst nach den beiden Pöllern so richtig beginnt, die ihn aus unserer Richtung für Autos sperren.

„Noch ein Kandidat für die kürzeste Straße der Stadt“, sagt P.

“Aber diesmal ohne Privatgärten mit Düssel-Zugang”, sage ich.

Wir stellen uns auf die Brücke und begutachten „unser“ Flüsschen.  Stromabwärts verschwindet die Düssel unter den Ästen der umliegenden Bäume und kommt nicht mal hundert Meter weiter „unten“ dort an, wo wir sie letztes Mal verlassen mussten.

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Stromaufwärts schlägt die Düssel unter einem Dach aus Bäumen und Sträuchern einen leichten Bogen, links wird sie anfangs von einer Art Backsteinmauer begrenzt, auf der rechten Flussseite begleitet sie ein Trampelpfad.

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Nachdem wir dem Pfad ein paar Meter gefolgt sind und zurückblicken, sehen wir wie schmal die Röhre ist, durch die sich die Düssel unter der Robert-Lehr-„Straße“ hindurchquetschen muss. Das ist keine Düssel-Brücke, das ist ein über eine Röhre gebauter Weg!

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„Eine Frechheit die so zusammen zu quetschen“, sagt P., „das ist doch Düssel-Vergewaltigung!“ Und obwohl er für seine Ironie in jeder Lebenslage berühmt ist, habe ich fast das Gefühl, dass er das ein Bisschen ernst meint. Mitleid mit einem Fluss?

Fortsetzung folgt …

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