(#39) Luftpartie ohne Gebirgsbach

in Erkrath/Neandertal/Natur

Wie wir im Neandertal nach Spuren der ehemaligen Düssel-Schlucht Ausschau halten / Wie wir uns die Düssel als Gebirgsbach vorstellen / Und wie uns das Neanderthal Museum auch mit „h“ und ohne Bindestrich gefällt.

Genau 1,2 Kilometer hin, 1,2 Kilometer zurück. Das ist das „Flanierpensum“, das uns heute erwartet. Warum wir das so genau wissen? Weil wir vor einem Schild stehen. Dort ist nicht nur unser Tagesziel – das Neanderthal-Museum – angegeben, wir erfahren auch gleich noch die in den kommenden Etappen zu bewältigende Entfernung bis „Gruiten Dorf“, einem der (wie uns oft „zugeflüstert“ wurde) Highlights des restlichen Weges bis zur Düssel-Quelle.

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Auf Google Maps checken wir den Weg: Vom findlingsumsäumten Parkplatz Am alten Kalkofen am Rande der Mettmanner Straße bzw. der L357 (von hier aus sind wir letztes Mal umgekehrt) bis zum Neanderthal-Museum entlang der Düssel, die parallel zur Fahrbahn verläuft. Asphaltiert, mehr oder weniger gerade, wenig spektakulär.

„Pflichtetappe, oder was?“, sagt mein bester Freund P.

Ich zucke die Achseln.

Eines ist sicher: Im Gegensatz zum vorigen Mal klappt heute der „Anschluss“ an die Vor-Etappe reibungslos. Raus aus dem Auto – und los! Bevor wir uns auf den Asphaltweg entlang der Landstraße machen, überqueren wir noch einmal die am Rande des Parkplatzes liegende „Braumüllersche Brücke“. Ja, deren Namen kennen wir nun auch – dem Neanderland-Standort-Schild unterhalb des Wegweisers sei Dank.

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Mein bester Freund P. schießt mit seinem iPhone einige Fotos und hat dabei unter anderem eine Hochwasser-Warnung im Visier. Notiz im Hinterkopf: Irgendwann einmal hierher zurückkommen, wenn es tagelang geregnet hat, um zu erleben, wie sich die Neandertal-Düssel vom zahmen Sympathieträger in ein gefährliches Wildwasser-Ungeheuer verwandelt. Nein, das wäre kein Katastrophentourismus. Vielmehr: Düssel-Wissenschaft!

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Aus den Augenwinkeln entdecke ich es: Auf der „Parkplatz-Seite“ der Brücke öffnet sich neben einem Findling flussaufwärts ein schmaler Ufer-Pfad. P. zeigt mit dem Finger auf ihn: „Da müssen wir lang!

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Ihr wisst schon: Düssel-Flaneur-Pflicht, immer so nah wie möglich am Ufer.

Ich nicke, wohl wissend, dass wir in letzter Zeit öfter mal die bequemere, uferfernere Variante gewählt haben. Wobei: Da lag ja auch schlammiges, unzugängliches Dickicht vor uns. Nein, ich nehme die Selbstkritik zurück: Einen Pfad wie diesen haben wir noch nie ausgelassen.

Leider endet der Pfad nach etwas dreißig Metern im „Nichts“. Als Belohnung für den Versuch gibt es einen Rückblick auf die Braumüllersche Brücke und einige schöne Ausblicke auf unser Flüsschen in freier Entfaltung. Sprich: Ins Wasser gestürzte Bäume, sonnendurchschienene Flachwasserabschnitte, mikadomäßig verhakte Ästchen. Wären wir 35 Jahre jünger, würden wir genau hier einen Staudamm bauen.

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Entlang der Landstraße also. Sieht erst mal ziemlich trist aus. Zumal die parallel zum Fußgänger-und Fahrradweg (durch einen Minigrünstreifen geteilt) und hinter einer Leitplanke verlaufende Düssel kaum zu erspähen ist: Zu viele Brennesseln, Bäume, Büsche. Nur hier und da eröffnet sich ein fotografierbarer Blick durch die grüne „Trennwand“. Dafür treffen wir auf: Ältere Herren in Rennradkluft, die es eiliger haben als wir. Ein agiles Großelternpaar mit Enkelkindern, das nur langsam vorankommt („Opa, gibt’s hier eigentlich auch Dinosaurier?“). Und ein Wanderer-Trio, das uns schnurstracks überholt. Als sich auf der düsselabgewandten Straßenseite ein Rest des Neandertal-Gesteins am Hang erhebt, flitzt ein Cabrio vorbei.

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Kaum vorstellbar, dass das Tal bis ca. 1850 so schmal war, dass die Düssel durch eine nur schwer zugängliche, 50 Meter tiefe Schlucht verlief. Ziemlich reißend soll sie gar gewesen sein. Ein „Gebirgsbach“, nur ein paar Kilometer von Düsseldorf entfernt.

„Vielleicht war auf unserer Düssel-Seite der Kalksteinabhang genau dort, wo jetzt die Straße verläuft“, mutmaßt P. „Und der ist dann einfach nach und nach abgebaut worden. Und das da oben …“, er zeigt auf den Felsen, „…das ist der letzte Rest, der übrig geblieben ist.“

Das würde insofern passen, als dass der bewaldete Hang auf der anderen Düssel-Seite ziemlich steil, wenn auch nicht wirklich „schluchtig“ ansteigt. Ich zücke mein Smartphone und schaue kurz nach, was unsere gute Freundin Wikipedia dazu sagt. Sie sagt sehr viel, und wer mag, sollte sich den kompletten Neandertal-Text in Ruhe zu Gemüte führen. Einen Auszug lese ich meinem besten Freund P. vor:

Der Erkrather Arzt und preußische Hofrat Johann Heinrich Bongard beschreibt in seinem 1835 erschienenen Buch Wanderung zur Neandershöhle erstmals das zu diesem Zeitpunkt noch unberührte Gesteins mit seiner Düsselklamm sehr detailliert inklusiv einiger Illustrationen, ohne den noch nicht gebräuchlichen Namen Neandertal zu nennen. Zudem beschreibt der bNaturfreund in diesem Wanderführer die Geologie und die vielfältige Botanik der Felsenschlucht und ihren Artenreichtum mit Pflanzen wie Belladonna, Wolfsmilch,Schierling, Thymian, Waldmeister, Brunnenkresse
und der im Tale sehr häufig vorkommenden und großflächig wachsenden
Pestwurzen.
Seine Schilderungen geben auch heute noch den besten Überblick über die ursprüngliche Schönheit der Natur, die zu seiner Zeit bereits ein weithin bekanntes und nach Eröffnung der
Bahnlinie Düsseldorf-Elberfeld 1841 auch stark frequentiertes Ausflugsziel von Naturfreunden, Tagesausflüglern und Sangesgruppen war. Die Künstler der Düsseldorfer Malerschule nutzten das Gesteins nicht nur als Vorlage zur Landschaftsmalerei, sondern auch vielfach für ihre Festivitäten und Tagesausflüge. 

Und dann schiebe ich noch ein Zitat nach:

(…) Bey Erkrath ist ein Bruch von Dachschiefer; auch finden sich in diesem Amte verschiedene Kalkbrennereyen, und unter anderem eine bey dem Kostenhof. In deren Nähe ist das so berühmte Gesteins: die Leuchtenburg, Neanderhöhle, und ein Wassersturz der Düsselbach, wohin jährlich von den benachbarten Städten verschiedene Luftpartien gemacht werden.“

Beyträge zur Statistik des Herzogthumes Berg, Erscheinungslauf 1, 1802–1805

„Siehste“, sage ich. „Die Malkasten-Leute haben hier damals nicht nur gemalt, sondern auch gefeiert.“

P. ist begeistert, aus seinem Mund purzeln Ausrufezeichen: „Luftpartie! Was für ein schönes Wort! Das möchte ich adoptieren. Und dann waren auch noch Sangesgruppen am Start. Großartig!“ Und obwohl der pathosallergische P. seine Worte wieder mal mit einen Ironiemantel überdeckt, weiß ich, dass er das alles ziemlich ernst meint.

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Nach rund 500 Metern gelangen wir auf unserer Luftpartie zu einer weiteren Düssel-Brücke – durch ein Tor abgesperrt. Ein Schild erzählt uns, dass das Gelände zum Neanderthal-Museum gehört. Eine Art Open-Air-Außenstelle also und vermutlich der Fundort des Neanderthalers. Neben einen Mülleimer schlüpfen wir am Rande der Brücke durchs Gebüsch, haben unser Flüsschen wieder im Blick. Das wird natürlich per Smartphone festgehalten, ebenso wie das „Wasserfällchen“ etwas weiter flussaufwärts, das direkt unterhalb der Leitplanke nach der Landstraßenunterquerung aus einem Rohr schießt.

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Kurz darauf schimmern auf der anderen Ufer-Seite diverse rot-weiße Stäbe durch, die offenbar die Fundstelle markieren. Auf der Leitplanke: Zahlen, die wir nicht zuordnen können.

Außerdem: ein Stromkasten und ein Hinweisschild auf den nächsten Parkplatz (100 Meter), ein Blitzer und dann, endlich, ein riesiger Felsen, auf dem eine Tafel angebracht ist.

Aufschrift: „Zur Erinnerung an die Entdeckung des Neanderthal-Menschen durch Prof. Dr. C. Fuhltrott (Elberfeld) im Sommer 1856.“

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Als spontane, dem Moment verhaftete Düssel-Flaneure sind wir traditionell schlecht vorbereitet. Zum Glück verrät uns Wikipedia den Namen des Felsens und einige weitere Details. Wieder lese ich P. den Text vor:

War das Tal vom Bau der ersten westdeutschen Eisenbahnlinie von Düsseldorf nach Erkrath noch nicht unmittelbar betroffen (eröffnet 1838, 1841 bis nach Elberfeld erweitert), so veränderte der 1849 einsetzende industrielle Kalksteinabbau das Tal vollständig. 1854 wurde die „Actiengesellschaft für Marmorindustrie im Neanderthal“ gegründet, die den Kalkabbau in großem Stil vorantrieb. Kalk wurde nicht nur für Bauzwecke und die Stahl- und Kohleindustrie des Ruhrgebiets benötigt, auch die nahegelegene Eisenhütte in Hochdahl benötigte ihn als basischen Zusatzstoff für die Verhüttung. Etwa ein Jahrhundert lang prägte der Kalkabbau das Tal; erst 1945 wurde der Betrieb eingestellt.

Von den ursprünglichen Kalkfelsen war hiernach nichts mehr zu sehen, da sämtliche Gesteinsformationen und Höhlen innerhalb von weniger als 100 Jahren dem Kalkabbau zum Opfer gefallen waren. Nur der sogenannte Rabenstein, eine Felsnase unmittelbar an der Straße und am Eingang zum Fundort des Neandertalers, ist übrig geblieben. 1926 wurde eine Tafel angebracht, die an den Fund des Neandertalers durch Johann Carl Fuhlrott erinnert.

Einen Augenblick später entdecken wir die analoge Info über den “letzten Zeugen”. Geht also auch ohne Wikipedia 😉

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Rechts des imposanten Rabensteins ist offenbar der offizielle Eingang zur Fundstelle. Wieder gilt es eine Brücke zu überqueren, diesmal ist sie so schmal, dass nur Fußgänger sie nutzen können. Bevor man sie betritt, muss man an einer Art Schranke vorbei und wie an einer U-Bahn-Station einen „Fahrschein“ in einen Schlitz stecken. Aber: Die Schranke steht offen.

„Wahrscheinlich kommt man hier offiziell nur mit Museumseintrittskarte rein“, vermute ich.

„Düssel-Flaneure haben hier freien Eintritt“, beschließt mein bester Freund P. –  und schon stehen wir in der Mitte der Brücke und schauen hinunter.

Fazit: Noch nie auf dem Weg von der Rheinmündung bis hierher war die Distanz zwischen einer Düsselbrücke und dem Flüsschen unter ihr so hoch … äh groß …“

„Könnten fast zehn Meter sein“, schätzt P. „Neuer Rekord!“

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Wir folgen einem schnurgraden Weg, der als „Zeitstrahl“ gestaltet ist und an die Brücke anschließt. Er führt auf eine vom Düssel-Ufer durch Bäume und Sträucher getrennte Wiese – dem „archäologischen Garten“ des Museums. Auf der Fläche sind diverse Steinblöcke verteilt, auf denen auf Englisch und Deutsch die Geschichte des Neanderthalers erzählt wird. Ein Check auf dem Smartphone verrät, dass sich an eben dieser Stelle die „Kleine Feldhofer Grotte“ – im Jahr 1856 der Fundort der Neanderthaler-Knochen – befand, die durch den Kalksteinabbau vernichtet wurde.

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P. macht Fotos, und am Ende der Wiese gelangen wir schließlich doch noch auf die andere Zugangsbrücke zum Gelände, zu der uns eben von der Landstraße aus der Weg versperrt war.

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Und auch das aus dem Rohr strömende „Wasserfällchen“ halten wir nochmal im Clip fest.

Raus aus dem „archäologischen Garten“, zurück zur Landstraße. Noch 400 Meter bis zum Museum.

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Die beiden Dixieklos am Parkplatz müssen ohne uns auskommen. Dafür nähern wir uns abseits des Weges über Gestrüpp hinweg unserem Flüsschen und beschauen zwei sehr alt aussehende Türmchen, die links und rechts des Ufers stehen. Reste einer alten Brücke? Oder was? Wir wissen es nicht, finden auch im Netz keinen Hinweis. Dafür stolpert P. fast über ein im Boden verankertes Schraubengewinde.

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Weiter! Die Düssel macht einen scharfen Knick, verläuft unter der Landstraße. Der Fußweg zum Museum verläuft parallel. Ein Radsportler in knallblauem Oberteil schießt vorbei und legt sich rasant in die Kurve.

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Nach der Landstraßenunterquerung fotografieren wir noch den „Kasten“ einer Regenwasserbehandlungsanlage am Waldrand – und dann kommt auch schon das Museumsgebäude in Sicht. Die Düssel? Hier recht breit aufgestellt und mit extrem schlammigem Ufer.

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Auf dem Weg zum Museum passieren wir eine Stelle, an der drei unterschiedliche Bodenbeläge aufeinanderfolgen, jeweils einen Meter lang. Sand, Rindenmulch, Kies.

P. grinst. „Ob das was mit dem Neanderthaler zu tun hat?“

„Wahrscheinlich bloß Fußweg-Kunst“, sage ich.

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Und dann stehen wir direkt vor dem Museum – und sind beeindruckt. Notiz im Hinterkopf: Schnellstens mit Kind und Kegel einen Besuch einplanen (Es gibt sogar einen Tag, an dem Hunde mit reindürfen).

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„Würde mich wundern, wenn die damit keinen Architekturpreis gewonnen haben“, sagt P.

Wir schießen noch ein paar Fotos auf dem Museumsvorplatz, unter anderem vom benachbarten Hotel-Restaurant Becher und vom „Neanderthal Kiosk“.

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„Ich kann ja noch verstehen, dass man hier aus Tradition die altertümlicheSchreibweise von Neanderthal mit h übernommen hat“, sage ich. „Und ich kann auch verstehen, dass man auf den orthografisch korrekten Bindestrich zwischen Neanderthal und Museum verzichtet – von wegen Eigenname und so. Aber ich wusste nicht, dass man das auch auf Büdchen übertragen kann.“

„Klugscheißer!“, sagt P. „Ist doch völlig egal. Hauptsache, es kommt keiner auf die Idee das Neandertal mit dem Deppen-Apostroph zu verhunzen – von wegen „Neanderthal´s“.

„Selbst Klugscheißer!“, sage ich.

Und in dieser trauten Einigkeit machen wir uns auf dem 1,2 Kilometer langen Rückweg zum Auto. Erwähnenswerte Vorkommnisse? P. dreht noch ein kleines Filmchen von der Landstraßenunterquerung.

Und am Rabenstein klettern wir die Böschung zum Fluss hinunter und machen ein paar Fotos.

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Ach ja, und das „U-Bahn-Tor“ zur Fundstelle ist inzwischen geschlossen.

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„Eine Sache fällt mir noch ein“, sagt P, als wir schon wieder auf dem Weg nach Düsseldorf sind. „Was ist eigentlich mit diesem Schlößchen Pirlepont? Ein Leser hat geschrieben, dass wir es auf der letzten Etappe verpasst hätten. Aber wo genau ist es? Im Netz habe ich dazu keinen konkreten Hinweis gefunden.“

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