(#29) Gerresheimer Grenzverkehr

in Düsseldorf/Natur

Wie wir vom „Team Düssel“ den Rhein „dissen“, obwohl er uns sympathisch ist / Wie wir beim Überschreiten einer unsichtbaren Grenze gedanklich in Hamburg landen / Und wie wir eine Trennung beobachten und uns dabei wie im Urlaub fühlen.

Gerade habe ich geparkt: Am Sandträgerweg, direkt über der Düssel-Unterführung. Mein bester Freund P. ist noch nicht da. Zeit für die ersten Smartphone-Fotos und ein kurzes Filmchen. Ein Blick auf die andere Straßenseite, wo wir die vorherige Etappe beendet haben. Erster Gedanke: Schön, dass bei der Stadt das Geld gereicht hat, um auch hier in Stadtrandnähe an jeder Unterführung die kennzeichnenden „Düssel“-Schilder anzubringen.

Und dann ein Blick flussaufwärts: Da werden wir gleich entlang spazieren. Notiz im Hinterkopf: Unser erstes pinkes Düssel-Geländer! Sonst war meist knallgelb angesagt …

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„Der Rhein, dieser blöde Protz-Strom, hat solche Schilder gar nicht nötig“, sagt der (gedankenlesende?) P., der inzwischen sein Auto hinter meinem geparkt hat und ausgestiegen ist. „Oder hast du schon mal ein Schild gesehen, auf dem RHEIN steht?“

„Nicht bewusst“, sage ich. „Aber wenn jemand auf einer Brücke über den Rhein fährt, wird er vermutlich wissen, dass es nicht die Düssel ist, die er da gerade überquert. Angela Merkel trägt ja auch kein Namensschild, auf dem ANGELA MERKEL steht.“

„Haha“, macht P., ohne zu lachen, während wir losmarschieren und dem Spazierweg entlang der hier mehr oder weniger schnurgraden Düssel folgen. „Ich sag dir was: Der Rhein wird vollkommen überschätzt!“

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„Und was dieser Scheißfluss nach dem tagelangen Regen mal wieder für ein schmutziges Hochwasser mit sich führt!“ P. , wie man ihn kennt: Er redet sich in Rage: „Randvoll ist der! Als ob er einen Dauerständer hätte, den er allen zeigen möchte. Voll die Exhibitionisten-Drecksau, der Rhein!“

„Bisschen schiefes Bild, einen Fluss als Drecksau zu bezeichnen“, sage ich.

„Aber Ständer geht okay, oder was“, sagt P.  grinsend. „Echt jetzt: Voll der blöde Pimmel, der Rhein!“

Ich stelle eine naheliegende Frage: „Wenn der Rhein ein blöder Pimmel ist, was ist dann die Düssel?“

„Blöd ist sie jedenfalls nicht.“ P. grinst jetzt noch mehr. Und als ob er nachdenken müsste, stellt er sich auf einen Baumstumpf an der Düssel-Böschung und dreht sich im Kreis – und mit seinem iPhone einen Rundum-Clip der Umgebung.

„Jedenfalls hat die Düssel im Gegensatz zum Rhein durch den Dauerregen keinen Dauerständer“, sagt er mit einem Blick auf unser auffallend schlammig gefärbtes Flüsschen. „Allenfalls ein Dauerständerchen.“

Zeit für einen Themawechsel: „Kennt dein Vater nicht einen, der bei der Stadt Düsseldorf arbeitet?“

„Nee, der Typ ist inzwischen pensioniert“, sagt P. „Kein Kontakt mehr. Warum denn?“

„Na, weil er erstens dem zuständigen Mitarbeiter, der die Idee für die Düssel-Schilder hatte, einen Orden überreichen soll“, sage ich. „Und weil er zweitens jemanden vom Stadtmarketing kennen könnte.“

„Was willst du denn bitte vom Stadtmarketing“, frage P. Derweil erreichen wir eine der schmalen Fußgängerholzbrücken, die uns seit Wersten schon öfter begegnet sind.

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Ein Blick flussabwärts:

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Ein Blick flussaufwärts:

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„Na“, sage ich, „die vom Stadtmarketing könnten unser Blog doch irgendwie unterstützen, zum Beispiel, in dem sie es auf ihrer Facebookseite empfehlen oder so. Schließlich sind wir die ersten, die den Namenspatron der Stadt mal
so richtig hochjubeln.“

„Klar, das Stadtmarketing hat sicherlich großes Interesse daran, ein Blog zu verlinken, in dem nicht nur sexistische Wörter fallen, sondern auch noch der Rhein als blöder Pimmel mit Dauerständer bezeichnet wird.“

„Aber das Ironisch-Überzeichnete an dieser Metaphorik verstehen die doch sicher“, sage ich.

„Ja, aber mit Pimmel und Dauerständer haben wir uns aus Stadtmarketingsicht definitiv für jegliche Erwähnungen disqualifiziert. Glaub mir das, ich arbeite schließlich in der Werbung.“

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“Okay, lassen wir das“, sage ich, während wir dem Spazierweg weiter folgen – parallel zu Reichenbacher Weg und Tannenhofweg, wie mir inzwischen Google-Maps auf meinem Smartphone verraten hat. „Gleich passiert ohnehin etwas viel Wichtigeres: „Wir werden eine Grenze überschreiten. Und zwar ausnahmsweise keine geschmackliche – obwohl Du mit von der Partie bist.

„Gibt´s Schilder?“, fragt P.

„Nein“, sage ich. „Es ist eine unsichtbare Grenze. Eine, die vermutlich den meisten Leuten, die entlang unserer heutigen Düssel-Etappe wohnen, bewusst ist. Aber sonst eher keinem.“

P. schaut genervt, fordert mit gespieltem Interesse: „Na sag schon!“

Ich zeige auf eine schmucklose Betonbrücke.

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„Dort vorn verläuft der Gothaer Weg, und der Gothaer Weg markiert die Grenze zwischen den Stadtteilen Düsseldorf-Vennhausen und Düsseldorf-Gerresheim.

„Wah-n-sinn!“, sagt P. Und fragt: „Spielt das für irgendwen eine Rolle?“

Derweil bewegen wir uns weiter flussaufwärts. Grenzüberschreitend, sozusagen. Auf einem Trampelpfad neben dem offiziellen Spazierweg.

Ein Blick zurück nach Vennhausen:

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Rund 100 Meter vor uns vollführt unser Flüsschen eine scharfe Rechtskurve. Rechterhand: Ein Bolzplatz (schon in Gerresheim) und ein etwas in die Jahre gekommener Kinderspielplatz (ebenfalls schon in Gerresheim).

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„Das ist ja gerade die spannende Frage: Interessiert es überhaupt jemanden, wo die Grenze von Stadtviertel zu Stadtviertel verläuft? Die Kinder hier werden ja wohl kaum sagen: Kommt lass uns mal eben die Straße überqueren, um in Gerresheim auf dem Bolzplatz zu spielen.“

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P. überlegt. Dann sagt er: „Kommt auf die Viertel an. Ein Bekannter von mir ist beruflich nach Hamburg gegangen und hat sich dort, ohne die Stadt zu kennen, eine arbeitsnahe Wohnung gesucht. Und die lag genau an der Grenze von Hoheluft-Ost und Eppendorf. Und weil er eher so ein Indie-Typ ist, hat er immer allen erzählt, er wohne in Hoheluft-Ost, weil er nicht mit dem Schnösel-Image von Eppendorf verbunden werden wollte.“

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„Andererseits gibt es sicher auch viele Hoheluft-Ostler, die sich ganz bewusst als Eppendorfer verkaufen, oder?“

„Vielleicht, wenn sie vorher in Oberkassel gewohnt haben“, sagt P.

„Schön, dass du auf diesem Weg auch noch ein Oberkassel-Bashing im Blog unterbringst“, sage ich. „Du peinlicher Vogel!“

P. lässt sich nicht beirren: „Also, ich finde Eppendorf jedenfalls viel weniger schnöselig als Oberkassel.“

„Und was ist der Unterschied zwischen Eppendorf und Hoheluft-Ost?“, frage ich.

„Eigentlich keiner. Aber Eppendorf kennt halt jeder, auch außerhalb von Hamburg.“

„Jetzt reicht´s“, sage ich. „Schluss mit dem Hamburg-Scheiß! Wir sind schließlich ein Düsseldorf-Blog!“

An der scharfen Rechtskurve der Düssel öffnet sich eine breite, grüne Ebene vor uns. So viel Platz rund um die Düssel haben wir seit dem Start am Rheinufer noch nicht gesehen. Natur pur, wären da nicht die vielen Strommasten, die sich in zwei scheinbar bis zum Horizont verlaufenden Reihen ihren Weg bahnen. Vögel zwitschern. Pollen fliegen durch die Gegend. Insekten summen. Und wenn man die Ohren spitzt, hört man etwas weiter flussaufwärts sogar den Sound der heute bislang nicht allzu plätscherfreudigen Düssel.

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An dieser Stelle plätschert sie aus einem besonderen Grund: Aus Erkrath kommend teilt sie sich auf – in die südliche Düssel, der wir von ihrer Mündung auf Höhe der „Zicke“ über die Carlstadt und Unterbilk, Bilk, Wersten und Eller bis hierhin gefolgt sind, und in die nördliche Düssel, die via Grafenberg, Düsseltal, Derendorf über die Altstadt nur etwas weiter nördlich von der südlichen Düssel ebenfalls in den Rhein mündet.

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„Schön hier“, sagt P.  „Eine der schönsten Düssel-Stellen überhaupt!“

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Ich nicke. Wir erreichen eine Brücke (gelbes Geländer!) und beobachten, wie ein Hund vor der Stelle, an der sich die Düssel in zwei Arme trennt, ein Bad nimmt. Überhaupt: Alle Leute, denen wir hier begegnen sind mit ihren Hunden unterwegs.
„Die erste Trennung, bei der ich mich wie im Urlaub fühle“, sagt P. Und zeigt dabei zunächst auf die südliche und dann auf die nördliche Düssel.

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Ein Blick flussaufwärts:

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Auf der anderen Düssel-Seite: Ein Pferdehof. Dahinter verläuft eine Bahntrasse (Richtung Wuppertal?), und dahinter wiederum sehen wir den Turm der Gerresheimer Glashütte.

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„Ein paar hundert Meter schaffen wir noch“, sage ich. „Bis zur nächsten Brücke.“

Links: Grün, grün, grün vs. futuristisches Strommastengewirr. Später Einfamilienhäuser.  Rechts: Erst größere Wohnblocks, dann ebenfalls ein paar Einfamilienhäuser. Schon ist die angestrebte Fußgängerbrücke zu sehen. Nicht das Modell “Holz”, sondern das „alte“ mit gewohnt gelbem Geländer.

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„Ich mag Vennhausen und Gerresheim“, sagt P. „Ist eine ganz andere Welt, wenn man sich hauptsächlich in Bilk, Pempelfort oder Flingern-Nord aufhält.“

„Ja, nach laptoptippenden Klapprad-Coolios wie dir, die in Szeneacafés rumhängen, dort SZ, taz oder FAZ lesen und Latte Macchiato bestellen, kannst du hier lange suchen“, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter.

„Eben“, sagt Klappradfahrer P. betont cool, um ironisch zu betonen, dass er es nicht nötig hat, auf meinen Klapprad-Coolio-Diss einzugehen, „gerade das gefällt mir ja so. Hier gibt’s wahrscheinlich nur Eis-Cafés. Old school!“

“Guck dich dich lieber erst mal auf der anderen Seite der Bahntrasse um, bevor du so etwas sagst.”

Wir überqueren die Brücke, schauen zurück, machen ein Foto des Straßenschilds („Zur Düsselaue“) und spazieren entlang der Gärten des angrenzenden Wohngebiets auf der anderen Düssel-Seite flussabwärts zurück zu unserem Ausgangspunkt.

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„So lange nicht massenhaft Leute wie Du einfallen, bleibt´s hier auch schön“, sage ich im Ironie-Modus.

P. grinst. „Ich mache hier lieber Urlaub. Außerdem wohne ich doch schon längst am Stadtrand, nur eben woanders.“

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„Noch zu mal zurück zu Vennhausen und Gerresheim“, sage ich. „Ich glaube schon, dass sich die Leute um so mehr mit einem Viertel identifizieren, je weiter es vom Zentrum entfernt ist.“

„Warum?“, fragt P.

„Vielleicht, weil das Leben hier irgendwie langsamer und ländlicher ist. Weil hier weniger Zugezogene wohnen und weniger Leute wegziehen. Und weil sich viele Leute schon seit Jahrzehnten kennen.“

„Pure Spekulation! Apropos: Am meisten interessieren sich vermutlich Immobilienmakler dafür, wo Viertelgrenzen verlaufen“, sagt P. “Du glaubst nicht, was in Berlin alles als Mitte verkauft wird.” Er runzelt die Stirn. „Jedenfalls war bdas dann heute doch irgendwie eine Grenzerfahrung, oder?“

Ich nicke. „Aber eine ohne Grenzzaun.“

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„Was glaubst Du eigentlich, was aus dem mysteriösen Koffer aus der letzten Etappe geworden ist?“, fragt P.

„Vielleicht schon in Wersten angekommen? Oder in Eller hängengeblieben?“

„Es gab so einige Leute, die dachten, wir hätten das mit dem Koffer und dem Necessaire-Täschchen inszeniert.“

„Würde wir doch nie machen. Nicht mal für eine gute Story! Sind doch keine Düssel-Verschmutzer!“

Bevor P. Die Tür seines Autos öffnet, sagt er: „Ich freue mich schon auf die nächste Etappe. Je mehr wir aus der Stadt rauskommen, desto abenteuerlicher wird es.“ Er winkt – und sagt zum Abschied: „Ich habe auch schon ein Thema, über das wir beim nächsten Mal reden müssen.“

Und dann fahren wir beide nach Hause – Viertelgrenzen kreuzend, über die wir noch nie nachgedacht haben.

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