(#3) Ist ein Düssel-Spaziergang „uncool“?

in Düsseldorf

Warum Flaneure keine Kilometer fressen dürfen / Wie die Düssel durch drei Teiche fließt / Und wie man beim Düssel-Flanieren Street Art konsumiert.

Weißt du, wie weit wir letztes Mal gekommen sind?“, fragt mein bester Freund P. und legt die Stirn in Falten. Eine rhetorische Frage – mit einer offensichtlichen Antwort: Die erste Etappe unseres „45 Kilometer am Ufer entlang“-Spaziergang hat uns von der unsichtbaren, da in einer Röhre versteckten Düssel-Mündung in den Rhein gerade mal bis zum Spee´schen Graben geführt.

„Das waren höchstens 500 Meter, eher weniger“, sagt. P.

Ich zucke mit den Schultern. „Na und!“

„Wenn wir so weiter machen, sind wir noch bis 2016 unterwegs.“

„Hast du Eile?“

„Nee, hast ja Recht … Flanieren statt Kilometerfressen! Gar nicht so einfach. Irgendwie habe ich mir angewöhnt, alles so schnell wie möglich zu erledigen, seit ich Vater geworden bin.“

Ich grinse. „Das kenne ich. Deswegen machen wir das hier ja!“

„Entschleunigung!“, verpasst P. unserer Tour ein Label, die alte Werber-Nase.

“Ich scheiße auf Entschleunigung”, sage ich. “Ich habe einfach Bock auf die Sache! Mal was ganz anderes! Ein Ziel!”

“Wie jetzt? Hast du sonst keine Ziele?”

“Doch, aber nicht solche!”

Durch das Herbst-Wetter mitten im August hat es etwas länger gedauert, einen einigermaßen trockenen Termin zu erwischen, an dem wir beide Zeit haben. Im Gegensatz zu P. bin ich in Sachen Regen nämlich der total Pingelfritze – Motto: bloß keinen Tropfen abkriegen! Ist bei meinem Vater genauso, scheint in der Familie zu liegen. P. ist da anders gestrickt, und er führt das zum Teil auf seinen Migrationshintergrund – genauer gesagt: auf den seines Vaters – zurück. Wo genau P.´s Vater herkommt, kann ich hier nicht verraten, denn dann könnte man mit Hilfe von Google relativ schnell herausfinden, wer P. ist, und dann wüssten P.´s Agentur-Kollegen womöglich Bescheid über sein neues Hobby, und das möchte P. nicht, denn ihm ist es wichtig, cool zu sein.

„Ein Düssel-Spaziergang ist definitiv nicht cool“, sagt P. “Alter, wer macht denn so was – nach dem Motto: Okay Leute, ich treff mich gleich mit meinem Kumpel, um an der Düssel spazieren zu gehen.”

„Es ist uncool zu sagen, dass ein Düssel-Spaziergang nicht cool ist“, sage ich. “Und überhaupt: Bei einem Rhein-Spaziergang würde sich wahrscheinlich keiner wundern …”

„Hast ja Recht“, sagt P. „Trotzdem muss ich das nicht rumposaunen.“

Heute haben wir beide unserer Mittagspause für die Düssel reserviert, offiziell ist P. mit mir essen. Wir spazieren den Spee´schen Graben entlang die Poststraße „stromaufwärts“, wobei das Wort  hier nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt ist. Nur wenn man genau hinschaut, kann man in den letzten zwanzig Metern vor dem In-die-Röhre-Abfluss eine ganz leichte Strömung ausmachen. Dann verwandelt sich der von den Mauerresten der alten Festung begrenzte “Graben” in einen ziemlich großen Teich. Ein Teich, durch den die Düssel „hindurchfließt“. Irgendwie.

Am Ende der Poststraße erreichen wir den „Durchfluss“ zwischen Spee´Schem Graben und Schwanenspiegel. Das ist der zweite von drei Teichen, an denen wir entlang spazieren müssen, um wieder zum „normalen“ Flussbett zu gelangen.

Bevor wir die ziemlich breite Haroldstraße überqueren, zeigt mein bester Freund P. auf eine Litfass-Säule, auf der ein küssendes Paar steht. „Mach da mal ein Foto von!“, sage ich. „Können wir dann im Blog zeigen.“

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Ich frage mich, wer diese Skulpturen geschaffen hat, von denen auf den Litfass-Säulen der Stadt noch einige weitere rumturnen. Smartphone raus, schnell mal googeln: „küssendes Paar Litfasssäule Düsseldorf“ – nach ein paar Sekunden erhalte ich die Antwort: Der Künstler heißt Christoph Pöggeler, die Skulpturen nennt er „Säulenheilige“.

Wir spazieren links um den Schwanenspiegel herum und biegen rechts in die Elisabethstraße ein. Von dort aus haben wir einen schönen Blick über den Teich auf den Verbindungstunnel zum Spee´schen Graben, dem Düssel-„Durchfluss“.

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„JPEG“, sagt P. und meint ein Grafitto, das am Rande des Verbindungstunnels zu sehen ist. „Kommt mir bekannt vor, habe ich schon öfters in der Stadt gesehen.“ Er zückt sein iPhone und findet eine geführte Tour durch die Streetart-Szene Düsseldorfs – “JPEG” inklusive.

„Alter, wir müssen aufhören, zwischendurch im Netz zu surfen, sonst ist das sicher keine Entschleunigung!“, sage ich.

P. nickt, grinst ironisch: „Wenn Du magst, kannst Du auch gerne Skizzen malen, statt Fotos zu schießen.“

Wir durchqueren den Parkstreifen zwischen Schwanenspiegel und Kaiserteich, machen an einer Brücke halt. Unter uns: die schmale Verbindung zwischen den beiden Teichen – die imaginäre Düssel.

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Während wir am Geländer lehnen und den alten Landtag betrachten, in dem sich jetzt eine Kunstsammlung befindet, sage ich: „Am liebsten hätte ich ein kleines Haus mit einem Garten, der direkt an die Düssel grenzt.“

„Nun werd´ mal nicht gleich sentimental!“, sagt P. „So was gibt’s doch nur im Märchen. Na ja, oder vielleicht in Mettmann. Aber sicher nicht in unserer Stadt.“

„Von meinem Garten aus würde ich mir eine kleine Treppe bauen“, fahre ich fort, ohne auf seinen Einwand zu reagieren, „von da aus würde ich meine Füße im Düsselwasser baumeln lassen. Und dabei Fische beobachten.“

„Gibt’s Fische in der Düssel?“, fragt P.

„Inzwischen wieder jede Menge“, sage ich. „Zum Beispiel an meinem Düssel-Lieblingsplatz.“ Ich weise den Weg Richtung Wasserstraße. „Da habe ich früher oft gesessen und Fische beobachtet.“

„Na, dann bin ich mal gespannt …”

 

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